Es gilt das gesprochene Wort!
Wir feiern heute den Tag der deutschen Einheit, ein Tag des Dankes für überwundene Mauern. Und doch spüren wir alle, dass es neue Mauern gibt, die unsere Gesellschaft polarisieren und neue Risse erzeugen. Sie fordern unseren Zusammenhalt – unsere Verbundenheit untereinander, mit der Schöpfung und mit Gott.
Hans-Jürgen Freese hat diese Kapelle vor 25 Jahren gebaut als Ort der Verbundenheit. Deswegen ist es schön und wichtig, dass Jahr für Jahr am 3. Oktober hier so viele Menschen zusammenkommen. Wir setzen damit ein Zeichen für das Gemeinsame und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.
Es braucht echte Beziehungen. Papst Leo warnt in seiner ersten Enzyklika, dass der Mensch auf Algorithmen, auf Daten oder auf bloße Effizienz reduziert wird. Der Papst schreibt uns, dass wir zutiefst menschlich bleiben, dem Nächsten ins Gesicht sehen und nicht bloß vor dem Computer oder dem Handy sitzen, dass wir das Schweigen derer hören, die keine Stimme haben dass wir der Liebe Bücken bauen.
Diese Verbundenheit betrifft auch die ganze Schöpfung. Franziskus von Assisi, der genau vor 800 Jahren verstorben ist, hat in seinem Sonnengesang die Erde als unsere Schwester besungen. Er erinnert uns daran, dass wir untrennbar in die Schöpfung einbezogen sind. Franziskus nennt die Sonne Bruder und den Mond seine Schwester, ganz familiär. Die Natur ist für ihn nicht nur ein Objekt. Sie ist Schöpfung; deswegen herrschen wir nicht über sie, sondern tragen Verantwortung, müssen für sie sorgen.
Heute macht uns auch oft die Technologie zu schaffen; gerade die künstliche Intelligenz fordert uns heraus. Sie ist nicht ohne weiteres ein Feind der Menschheit, im Gegenteil, sie bietet manche Chancen, etwa in der Medizin. Gleichzeitig birgt sie auch Gefahren in sich. Manchmal hat man den Eindruck, die Menschen sind so vernetzt in der digitalen Welt wie noch nie – und doch sind viele einsamer denn je! Wir leben nicht einfach vom Austausch von Daten und Informationen. Der Mensch ist ein Wesen, das für Beziehung geschaffen ist. „Der Wert einer Zivilisation lässt sich nicht an der Macht ihrer Mittel messen, sondern an der Fürsorge, die sie zu leisten vermag, an der Fähigkeit, den Menschen als ein personales gegenüber und nicht nur als Funktion zu sehen„(MH 114).
Papst Leo benennt klar die massiven ökologischen Kosten der digitalen Welt und der riesigen Rechenzentren für die künstliche Intelligenz. Technik darf nicht zu einem Instrument der rücksichtslosen Herrschaft und Ausbeutung werden – weder über die Natur noch über den Menschen. Wir müssen Schöpfung und die Folgen für die Technik zusammen denken. Echte Verbundenheit zeigt sich darin, dass wir die Ressourcen der Erde so nutzen, dass auch kommende Generationen in diesem Land und auf der ganzen Erde in Würde und Frieden leben können.
Woher nehmen wir die Kraft und die Orientierung in dieser Zeit? Papst Leo erinnert uns daran, dass wir Ebenbilder Gottes sind. „Was den Menschen rettet, ist die göttliche Liebe„ (MH 232), die greifbar wird in der Schöpfung und Erlösung. Sein Schreiben trägt den Titel Magnifica humanitas, großartige Menschheit. Jeder einzelne von uns ist Träger von Würde, Freiheit und Verantwortung, weil er Ebenbild Gottes ist. Das ist unsere christliche Einstellung und deswegen versuchen wir, jedem und jeder gegenüber mit Respekt zu begegnen. Gerade dieses zentrale Verständnis vom Menschen bewahrt vor einer allzu großen Zersplitterung und kann uns näher zusammenführen. Echter Pluralismus der Menschheit muss getragen sein von Würde, Gemeinwohl, Solidarität und Subsidiarität.
Die deutsche Einheit ist eine bleibende Aufgabe. Setzen wir ein Zeichen, dass wir gewillt sind, daran weiter zu arbeiten: durch unsere Verbundenheit untereinander, mit der Schöpfung und mit unserem Schöpfer, Gott.