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Predigt

Predigt auf der Solidaritätsreise nach Mexiko

26. August 2026
Centro de Asesoría y Promoción Juvenil (CASA) in Ciudad Juárez (Mexiko)

„Wir können nicht akzeptieren, dass Menschen unsichtbar gemacht werden!"

Erzbischof Stefan Heße

Es gilt das gesprochene Wort!

Liebe Schwestern und Brüder,

in den vergangenen Tagen habe ich in Mexiko viel über Migration und Migrantinnen und Migranten gehört und gesehen. Ich hatte die Gelegenheit, verschiedene Projekte zu besuchen, mit Verantwortlichen im Bereich der Migration zu sprechen und – vor allem – Menschen zu begegnen, die aus unterschiedlichen Gründen unterwegs sind. Ich bin dankbar, dass so viele Migrantinnen, Migranten und Geflüchtete ihre Geschichten mit mir geteilt haben. Ihnen verdanke ich, dass ich so viel über Migration in diesem Land gelernt habe.

Ein Thema kam in meinen Gesprächen immer wieder zur Sprache: Migrantinnen und Migranten sollen in Mexiko unsichtbar gemacht werden. Sie sollen nicht gesehen werden. Manche der Herausforderungen, die mit Migration verbunden sind, erscheinen so überwältigend, dass Menschen sie lieber ignorieren möchten. Es gibt eine Tendenz unter uns Menschen zu denken, dass es leichter – vielleicht sogar besser – sein könnte, mit einer Illusion zu leben, als sich der Wirklichkeit zu stellen.

Migrantinnen und Migranten erfahren dies, wenn sie unsichtbar gemacht werden oder sich selbst unsichtbar machen – und viele von Ihnen wissen wahrscheinlich, wovon ich spreche. Menschen auf der Flucht müssen sich auf ihren gefährlichen Migrationswegen oft verstecken. Sie fühlen sich gezwungen, aus den Straßen der Städte zu verschwinden, weil man ihnen sagt, dass es keinen Platz für sie gibt. Oder weil sie Angst vor Abschiebungen haben. Und es besteht die Gefahr, dass Migrantinnen und Migranten verschwinden, weil sie Kriminellen und Banden zum Opfer fallen. In Mexiko gibt es weit über 100.000 Menschen, die spurlos verschwunden sind. Unsichtbar!

Wir Christen glauben an einen Gott, der in gewisser Weise unsichtbar ist. Aber zugleich hat Gott sich in Jesus Christus als Mensch gezeigt. Er wurde uns gleich – und dadurch wurde er sichtbar, hörbar, ja sogar berührbar. In Jesus hat Gott ein menschliches Antlitz angenommen, und wir können in seine Augen schauen.

Unser Beten und unsere Formen der Betrachtung zielen darauf, ihm zuzuhören, ihn anzuschauen, bei ihm zu verweilen.

Wir glauben an einen Gott, der sich sichtbar gemacht hat – und deshalb können wir nicht akzeptieren, dass Menschen unsichtbar gemacht werden! Nach unserem Glauben sind die Menschen nach dem Bild des Gottes geschaffen, der in Jesus Christus sichtbar geworden ist. Deshalb verdient es kein Mensch, verborgen oder unsichtbar gemacht zu werden.

Wir sind hier in einem Zentrum für junge Menschen, ganz gleich, ob sie Migrantinnen und Migranten sind oder aus der örtlichen Gemeinschaft kommen. In diesem Zentrum, das CASA heißt, steht ihr im Mittelpunkt. Ihr geht von der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit. Es ist, als würde ein Lichtstrahl auf jeden Einzelnen von euch fallen. So kommen eure Fähigkeiten und Talente ans Licht, und ihr setzt euch damit auseinander, was ihr mit ihnen anfangen könnt.

Ich möchte allen danken, die diese Einrichtung unterstützen. Diese wichtige Arbeit trägt dazu bei, dass ihr gesehen werdet – ihr selbst und euer Leben, eure Lasten, aber auch eure Hoffnungen. Bringt eure Hoffnungen immer wieder ans Licht! Wandelt nicht in der Dunkelheit, wie der Apostel Paulus einst ausgerufen hat. Und – wenn er vom Gericht am Ende der Zeiten spricht – sagt der Apostel uns, dass Gott kommen und alles ans Licht bringen wird (vgl. 1 Kor 4). Lebt im Licht – im Licht Gottes!

Wie schön und anders wäre unsere Welt, wenn jeder einzelne Mensch im Licht stehen und leben könnte: sichtbar, weil er oder sie von Gott geschaffen und gewollt ist. Als Christen wollen wir mithelfen, eine solche Welt, eine solche Zukunft aufzubauen. Dafür wünsche ich uns allen viel Mut und Freude, Hoffnung und Zuversicht. Hier bei CASA und überall.

Amen.

 

Hintergrund

CASA – Centro de Asesoría y Promoción Juvenil, Ciudad Juárez: Entstanden aus katholischer Jugendarbeit in den 1980er Jahren, als gemeinnützige Organisation 1993/94 gegründet. Heute also nicht mehr kirchlich, aber durch Misereor gefördert. 

CASA begleitet seit über 30 Jahren Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in besonders schwierigen, prekären sozialen Situationen und arbeitet mit Bildung, Kultur, Sport, Prävention, sozialer Reintegration und Jugendbeteiligung.

CASA will vulnerable Jugendliche stärken, ihnen Zugang zu ihren Rechten und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen und sie befähigen, selbst zu Akteuren der Veränderung in ihrem Umfeld zu werden. Dabei arbeitet CASA nicht isoliert mit Jugendlichen, sondern versucht zugleich Familien, Schulen, Gemeinschaften und gesellschaftliche Strukturen zu verändern

 

 

 

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