Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrte Frau Woisin,
sehr geehrte Frau Fuchs,
sehr geehrte Mitarbeitende,
liebe ehrenamtlich Engagierte
liebe Gäste,
Als Mutter Teresa 1952 in Kalkutta begann, im ehemaligen Pilgerhaus des Kali-Tempels ein Sterbehaus einzurichten, war das kein geplantes sozialer Dienst im modernen Sinn. Es war der Beginn eines radikalen Hinhörens auf eine Not, die viele in Kalkutta sehen wollten: Menschen, die auf den Straßen lagen – verlassen, krank, dem Tod näher als dem Leben – oft ohne Namen, ohne Begleitung, ohne Würde.
Das Gebäude lag in unmittelbarer Nähe eines bedeutenden hinduistischen Heiligtums. Schon das reichte aus, um Misstrauen zu wecken. Als die Schwestern begannen, den Ort herzurichten, eskalierte die Situation. Aus radikalen Kreisen formierte sich Widerstand. Jugendliche erschienen vor dem Haus, einige mit Steinen und Schlagstöcken. Es war nicht nur Ablehnung – es war Aggression, getragen von Angst, Missverständnis und religiöser Spannung.
In dieser damals herausfordernden Situation tat Mutter Teresa (1910 – 1997) etwas, das viele nicht verstanden: Sie zog sich nicht zurück. Sie argumentierte nicht. Sie stellte sich nicht öffentlich zur Wehr. Stattdessen bat sie den Anführer der Gruppe, hereinzukommen.
Er trat ein – in einen Raum, in dem Menschen lagen, die niemand mehr wollte. Menschen im Sterben, versorgt von Frauen, die nichts anderes taten, als zu waschen, zu halten, zu bleiben.
Nach etwa fünfzehn Minuten kam der Mann wieder heraus. Und er sagte:„Ja, ihr könnt die Missionarinnen vertreiben. Aber erst dann, wenn eure Schwestern und Mütter das tun, was diese Frauen da drinnen tun.“
In diesem Moment verschob sich etwas Grundsätzliches. Nicht durch Macht. Nicht durch Argumente. Sondern durch das stille Gewicht gelebter Barmherzigkeit.
So entstand „Nirmal Hriday – das Reine Herz“ nicht als Konzept, sondern als Antwort auf eine Not, die nicht mehr übersehen werden konnte. Ein kleines Stück Zuversicht in den schier uferlosen Herausforderungen der Slums in Kalkutta.
Leo Maasburg, ein Priester – vielleicht einigen von Ihnen bekannt – der Mutter Teresa nahestand und viele ihrer Geschichten festgehalten hat, beschreibt diese Haltung eindrücklich: Die Schwestern versorgten die Kranken nicht nur medizinisch. Sie berührten sie, streichelten sie, gaben ihnen Nähe – wie eine Mutter, die ihr Kind nicht allein lässt, selbst im letzten Moment.
Ganz unabhängig davon, aber innerlich erstaunlich verwandt, steht die Geschichte von Cicely Saunders (1918 – 2005), der Begründerin der modernen Hospiz- und Palliativbewegung in Europa.
Auch bei ihr steht am Anfang keine Theorie, sondern eine Begegnung: ein sterbender polnischer Patient in einem Londoner Krankenhaus. Ein Mensch am Lebensende, medizinisch gut versorgt – und doch innerlich allein. Für Saunders wird diese Erfahrung zur Offenbarung: Schmerz ist nicht rein körperlich, sondern auch seelisch, sozial und existenziell. Das System kann zwar Krankheiten behandeln, aber der Mensch hinter der Krankheit gerät dabei oft aus dem Blick.
Aus katholisch-sozialethischer Sicht berührt dies einen zentralen Grundsatz: Die Würde des Menschen kommt jedem Menschen zu, weil er Person ist und als Geschöpf Gottes eine einzigartige Würde besitzt. Sie gründet nicht in seiner Leistungsfähigkeit, seiner Gesundheit oder seinem gesellschaftlichen Nutzen
Papst Leo XIV. hat diesen Gedanken jüngst in seiner Enzyklika Magnifica humanitas aufgegriffen. Angesichts der Versuchung moderner Gesellschaften, den Menschen immer stärker nach Effizienz, Funktionalität und Nutzen zu bewerten, erinnert er daran, dass jede Zeit neu dafür Sorge tragen muss, „dass die Würde jedes Menschen gewahrt“ wird. Die Größe des Menschen liegt nicht in seiner Produktivität, sondern in seinem Personsein. Gerade dort, wo menschliche Schwäche sichtbar wird, bewährt sich deshalb, ob eine Gesellschaft den Menschen wirklich um seiner selbst willen achtet.
Mutter Teresa hat diese Haltung einmal so beschrieben:
„Wir werden von Anfang an gelehrt, Christus unter der leidvollen Verkleidung der Armen, der Kranken und der Ausgestoßenen zu entdecken. Christus begegnet uns in jeder Verkleidung: im Sterbenden, im Gelähmten, im Leprakranken, im Invaliden, im Waisenkind.“
Darin verdichtet sich ihr ganzes Verständnis von Dienst am Menschen: Nicht zuerst ein Bedürftiger steht vor uns, sondern ein Mensch, in dem uns Christus selbst begegnet.
Aus dieser Erfahrung wächst ihr Lebenswerk. Sie verbindet medizinische Kompetenz mit einer neuen Haltung des Begleitens – und verdichtet sie in zwei Sätzen, die bis heute prägen:
„Du bist wichtig, weil du du bist.“
Und:
„Es reicht nicht, dem Leben mehr Tage zu geben – wir müssen den Tagen mehr Leben geben.“
Wie gut passt dieses Zitat von Cicely Saunders zu dem Motto des heutigen Tages: Mitten im Leben - 35 Jahre - Malteser Hospiz-Zentrum in Hamburg Volksdorf.
Was beide Frauen verbindet, die Zeitgenossinnen waren, sich aber sehr wahrscheinlich nie begegnet sind, ist nicht ein Konzept, sondern eine Haltung: Der Mensch verliert seinen Wert nicht am Rand des Lebens. Gerade dort, wo nichts mehr zu „leisten“ ist, wird Würde sichtbar.
Und nun ein Schnitt in unsere Gegenwart: Welche Botschaft der Zuversicht steckt in diesen beiden Zeugnissen für uns in herausfordernden Zeiten?
In einer Welt, die viele als komplex, beschleunigt und unsicher erleben, in der große Fragen oft überfordern, ist die Versuchung groß, sich zurückzuziehen – oder auf das Große Ganze zu warten, das alles löst.
Doch Mutter Teresa und Cicely Saunders legen uns hier eine andere Spur:
Nicht alles muss im Großen verändert werden.
Nicht alles liegt in unserer Hand.
Aber das, was vor uns liegt, liegt in unserer Verantwortung.
Es beginnt im Kleinen.
Im Konkreten.
Im nächsten Menschen.
Im Nicht-Wegsehen.
Im Aushalten.
Im Dableiben.
Im Sehen des Guten im Anderen – auch dort, wo es schwerfällt.
In diesem Geist steht auch das Malteser Hospiz-Zentrum in Hamburg-Volksdorf.
Gegründet 1991 aus einer sehr persönlichen Erfahrung einer Sozialarbeiterin, die die Begleitung ihrer sterbenden Mutter nicht losließ, begann alles sehr klein: Gespräche in Wohnzimmern, erste Begleitungen, Menschen, die sich zusammenschlossen, weil sie eines nicht wollten – dass Sterbende allein bleiben. Aus diesen Anfängen entwickelte sich über die Jahre – getragen von den Maltesern, hauptamtlicher Struktur und einem großen Kreis ehrenamtlicher Menschen – ein verlässlicher Dienst im Hamburger Nordosten.
Heute begleiten Sie mit rund 200 (!) Ehrenamtlichen gemeinsam mit einem multiprofessionellen Team Menschen am Lebensende: in der eigenen Häuslichkeit, in Pflegeeinrichtungen, im Krankenhaus und in Einrichtungen der Eingliederungshilfe. Aber Sie sind auch ein Zufluchtsort für die Angehörigen, die sich oft zwischen Sorge, Erschöpfung und der großen Verantwortung für einen geliebten Menschen bewegen – und die hier Entlastung, Halt und ein offenes Ohr finden, wo sie selbst mitgetragen werden, wenn ihre eigenen Kräfte an Grenzen kommen.Dazu kommen eine über 30-jährige Trauerarbeit, der Kinder- und Jugendhospizdienst sowie vielfältige Bildungsangebote. Für diesen großartigen Dienst möchte ich jedem und jeeder einzelnen von ganzem Herzen danken.
Und damit schließt sich der Kreis. Von Kalkutta über London nach Hamburg. In herausfordernden Zeiten ist Zuversicht nicht die Erwartung, dass alles gut wird.
Zuversicht ist die Entscheidung, dass das Gute nicht aufhört – solange Menschen es tun und besonders dann, wenn Sie es in Rückbindung an Gott tun.
Vielleicht lässt sich das in einem letzten Satz von Mutter Teresa bündeln, der alles trägt: „Do small things with great love. Tu kleine Dinge – mit großer Liebe.“ Nicht mehr.
Aber auch nicht weniger.