„Er ist nicht einfach Bischof für sich selbst, sondern er ist Bischof immer für die anderen.“
Erzbischof Dr. Stefan Heße
Es gilt das gesprochene Wort!
(1. Les.: 1 Petr 4,7b-11; Ev.: Joh 20,19-23)
Das Evangelium führt uns an einen markanten Punkt: genau an die Schnittstelle zwischen dem Leben und Wirken Jesu hier auf dieser Erde und dem Beginn der Zeit der Kirche. An dieser Schnittstelle wird deutlich, dass sie – Jesus und die Kirche – miteinander verbunden, ja ineinander verwoben sind. Das eine lässt sich vom andern nicht trennen. Deswegen bleibt es bedeutsam auch für den heutigen Tag der Bischofsweihe von Johannes Zehe. Bischof kann man nur sein und bleiben in der Verbindung mit diesem Ursprung in Jesus Christus.
Schauen wir zunächst auf den Ort: die Jünger sind an diesem Ostersonntag hinter verschlossenen Türen, verriegelt, versteckt. Wahrscheinlich in jenem Obergemach, in dem sie das letzte Abendmahl gefeiert haben. Noch wenige Stunden zuvor haben sie in trauter Gemeinschaft beieinander gesessen, Jesu Testament in Empfang genommen und ihm unverbrüchliche Treue geschworen. Dann wird der Abendmahlssaal zu einem Ort der Angst und Isolierung. Das sind und bleiben wahrscheinlich die größten Fehler der Apostel: wenn sie durch einen Mangel an Vertrauen sich selber von Jesus isolieren; das bedrückt das Herz und behindert jede Wirksamkeit.
Die Situation ändert sich diametral, als der Auferstandene in ihre Mitte tritt. Der Raum wird nun gefüllt mit der Anwesenheit und Präsenz Jesu selbst und durch sein Wort. Der Auferstandene erscheint und spricht den verschreckten Aposteln den österlichen Frieden zu. Ihre Reaktion stellt sich unmittelbar ein : „Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen“ (Joh 20,20). Die Nähe zu Christus und seinem Wort verändert auf einmal alles. Die Angst wird gelöst, die Enttäuschung wird zur Freude. Genau das bleibt für die Kirche prototypisch, bis heute. Da, wo die Kirche aus der Nähe zu Jesus und aus seinem Wort lebt, entstehen Gemeinschaft, Gelassenheit oder tiefer betrachtet Frieden und Freude.
Gemäß der anfangs erwähnten Schnittstelle zwischen Christus und der Kirche, kommen wir nun aus dem Abendmahlssaal in den Hamburger St.-Marien Dom. Die heutige Bischofsweihe bringt die bleibende Nähe des Herrn in vielen Zeichen zum Ausdruck : in der Handauflegung und im Gebet, in der Salbung mit dem Chrisamöl, das sinnbildlich in den Weihekandidaten eindringen soll, das über dem Kopf wie ein Dach geöffnete Evangelienbuch.
Eine vielleicht gar nicht so im Fokus stehende Zeichenhandlung bringt es noch einmal eigens ins Spiel: Schon bei der Diakonenweihe – das war bei Johannes Zehe am 28.03.1998 in Neubrandenburg – wird den Kandidaten das Evangelienbuch in die Hand gegeben, damit sie es ergreifen und fortan verkünden. Heute wird diese Geste wiederholt und erfährt eine Erweiterung : das Buch mit den Evangelien wird auf das Haupt des Kandidaten gelegt, anschließend längere Zeit über seinem Kopf geöffnet bleiben und von zwei Diakonen wie ein Dach gehalten werden. Das Wort soll nicht äußerlich bleiben. Diese Geste sagt: der Weihekandidat soll im Wort Gottes zu Hause sein, gleichsam in ihm leben und das nicht nur heute bei seiner Weihe, sondern immer.
Vor kurzem waren Firmbewerber aus Neumünster unterwegs und kamen an einem alten Haus vorbei. Dort sahen sie auf der Fassade einen Bibelspruch. Das brachte sie zu der Frage: unter welches Wort stelle ich mein Leben? In welchem Wort Jesu bin ich zu Hause? Im Wort Gottes zu Hause zu sein wird so zum Gegenbild zu Angst, Rückzug und Isolation.
Vielleicht ist auch die Mitra, die bei feierlichen Gottesdiensten getragen wird, ein Zeichen dafür, dass der Bischof aus und im Wort Gottes leben soll, ja unter dem Wort Gottes stehen soll. Papst Paul VI. hat damals die Tiara abgelegt und eine übliche Bischofs-Mitra aufgesetzt. Auf ihr sind oft die Symbole der vier Evangelisten zu sehen: ein Mensch versinnbildlicht Matthäus, der Löwe Markus, der Stier Lukas und der Adler Johannes.
Der Bischof ist Zeuge für und Verweis auf Christus und sein Wort. Der Bischof und jeder andere Amtsträger, sie sind nicht Verwaltungsdirektoren einer Wohltätigkeitsorganisation, nicht Präsidenten einer politischen Bewegung oder Manager eines Religionskonzerns, sondern vor allem und immer wieder Zeugen des Evangeliums und der Auferweckung Jesu. Auch der Namenspatron unseres neuen Weihbischofs kann daran erinnern; es ist Johannes der Täufer. Auf der Einladung zur heutigen Bischofsweihe ist er in der berühmten Darstellung von Matthias Grünewald vom Isenheimer Altar zu sehen: Johannes der Täufer mit seinem übergroßen Zeigefinger, der von sich selbst weg weist und auf Christus hin.
Aus diesem Leben in Gottes Wort und Nähe ergibt sich der Auftrag des Bischofs. Er ist nicht einfach Bischof für sich selbst, sondern er ist Bischof immer für die anderen. Der Bischof hat wie jeder in der Kirche eine Sendung. Das Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Bischöfe « Christus Dominus » bringt immer wieder zum Ausdruck, dass sich diese Sendung nicht auf einige wenige bezieht, sondern schlichtweg auf alle. Damit sind nicht nur die Kirchenmitglieder gemeint, sondern wirklich alle. Ein Bischof aus der Weltkirche, der in noch viel größerer Diaspora lebt als wir hier im Norden, erzählte mir einmal davon, dass es in seinem Bistum mehrere Millionen Menschen gibt, davon sei aber nur ein ganz kleiner Teil katholisch. Aber seine Sendung beziehe sich auf diese Millionen; für und zu ihnen ist er gesandt. Der Bischof gehört allen! Das schwingt im Wahlspruch unseres neuen Weihbischofs mit, der auch aus diesem österlichen Evangelium genommen ist: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“. Im Wappen unseres neuen Weihbischofs wird das verdichtet mit den beiden lateinischen Vokabeln: missi estis. Ihr seid gesandt.
Gesandt, um Christus zu bezeugen, vor allem im Wort der Verkündigung – das ist zentrale Aufgabe des Bischofs seit der ersten Berufung der Jünger bis zum heutigen Tag (vgl. CD 12). Unmittelbar vor dem Ruf zur Sendung sagt Jesus im heutigen Evangelium seinen Jüngern zwei Mal den Frieden zu. Jesus setzt damit eine klaren Auftrag: Seine Gesandten sollen immer Überbringer der Friedens sein. An anderer stelle weist er seine Jünger an : „Wenn ihr in ein Haus kommt, dann wünscht ihm Frieden! » (Mt 10, 12) Sie erinnern sich vielleicht noch daran, dass Papst Leo XIV. genau mit diesen Worten seinen Dienst antrat: « Der Friede sei mit euch ». Wer im Wort Gottes zu Hause ist, der lebt in Gottes Frieden und überwindet alle Auseinandersetzungen, Spaltungen und Isolation. Ja, die Verbindung zu Gott überwindet jede Zertrennung – die äußere, wie wir sie aktuell in unserer Gesellschaft sehen, diejenige in unseren Familien und Gemeinschaften und vielleicht auch jene in unserem eigenen Herzen. Ich wünsche unserem neuen Weihbischof, dass er ein solcher Bote des Auferstandenen, des Evangeliums und dieses Friedens ist, eines Frieden, nach dem sich unsere Zeit so sehr sehnt. Und vielleicht kann er auch so etwas wie ein Wegweiser zum Haus des Wortes Gottes sein, das für alle Menschen geöffnet ist und allen Menschen die frohmachende Botschaft schenken kann.