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Predigt

Impuls beim Sommerfest in Schwerin

17. Juni 2026
Gemeindezentrum St.Andreas, Schwerin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen,
sehr geehrte Herren,

unsere Antwort auf Veränderungen ist, in einem Wort gesagt, die Betonung der Menschenwürde! Papst Leo definiert diese (in seiner jüngst erschienen Enzyklika) wie folgt: 

„Die ontologische Würde (…) ist die Würde, die einem jeden Menschen allein aufgrund der Tatsache zusteht, dass er existiert, dass er von Gott gewollt, geschaffen und geliebt ist: Keine Sünde, kein Versagen, keine Demütigung, kein Ausschluss kann den grundlegenden Wert eines menschlichen Lebens schmälern, das Gott gewollt und ins Dasein gerufen hat. Die grundlegende Würde jedes Menschen kann daher weder erworben noch verdient werden und muss auch nicht erst bewiesen werden. … »Eine unendliche Würde, die unveräußerlich in ihrem Wesen begründet ist, kommt jeder menschlichen Person zu, unabhängig von allen Umständen und in welchem Zustand oder in welcher Situation sie sich auch immer befinden mag«, das heißt immer und unhintergehbar.“ (MH 52-53)

Dazu möchte ich an drei Aspekten zeigen, wie die Kirche aktuell – weltweit und hier vor Ort in Mecklenburg – sich den Herausforderungen stellt. 

a) Enzyklika „Magnifica humanitas“ von Papst Leo XIV

Am Pfingstmontag wurde sie veröffentlicht – die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. 
Der Papst ist einmal mehr unser bester Werbeträger und irgendwie auch unser bester Missionar. Denn es ist wirklich sehr bemerkenswert, wieviel Wertschätzung und Begeisterung die Enzyklika gerade von extern erfährt. Der Datenschützer eines großen Medienhauses hier im Norden, kirchlich unverdächtig, schwärmte geradezu von der Enzyklika. Das sei die kompletteste und beste Abhandlung zu dem Thema, die er bisher gelesen habe. 

Eine erste Enzyklika wird gerne als das „Regierungsprogramm“ eines Papstes gelesen. Nicht nur deshalb fand sie bisher große Aufmerksamkeit, sondern auch weil sie die Herausforderungen der Zeit getroffen hat, mit dem Schwerpunktthema der künstlichen Intelligenz
Wir leben in einer Zeit großer Veränderungen, nicht zuletzt auch im technischen Bereich. Künstliche Intelligenz verändert unser Leben in bisher nicht gekannter Weise. Was vor gut einhundert Jahren bei Papst Leo XIII. die Veränderungen durch die Industrialisierung anbelangte, das sieht Leo XIV. für heute in der Transformation durch die künstliche Intelligenz. Leo warnt: „Nie hatte die Menschheit so viel Macht über sich selbst.“(MH 4). KI schreibt Texte, unterstützt medizinische Diagnosen, entwirft Reiseprogramme, steuert für manche Menschen das ganze Leben. Eine Entwicklung, an der keiner vorbeikommt. 
KI ist sehr leistungsfähig, aber: die Technologie ist keineswegs neutral (MH 9), mit ihr sind Effizienz, Kontrolle und Profit verbunden. Sie ist rein datenbasiert und verfügt über keinerlei Erfahrung, sie kann auch keine Verantwortung übernehmen. Empathie kann sie höchstens simulieren. 
Papst Leo reiht sich dennoch nicht in die Schar der Technikverweigerer ein. Er verfällt auch nicht in die Untergangsstimmung eines Kulturpessimismus, der allen Fortschritt verteufelt. Das Programm des Papstes ist kein Untergangsszenario, sondern die Zuversicht. Der Papst spricht sogar vom „Recht auf Hoffnung“ – dabei denkt er nicht zuletzt an die vielen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. Er fordert dazu auf, mit den technischen Möglichkeiten klug und entschieden umzugehen. Für ihn ist klar: Nicht die Technik darf den Menschen bestimmen; der Mensch ist nicht das Produkt irgendwelcher Algorithmen. Vielmehr ist die Technologie für den Dienst am Menschen da. Nur der Mensch kann über die KI entscheiden (MH 97). 
Freiheit und Verantwortung lassen sich nicht an Algorithmen delegieren. Unter Rückgriff auf Papst Franziskus sagt er: „Was die Maschine tut, ist eine technische Auswahl unter mehreren Möglichkeiten und beruht entweder auf genau definierten Kriterien oder auch statistischen Rückschlüssen. Der Mensch hingegen wählt nicht nur aus, sondern ist in seinem Herzen zu einer Entscheidung fähig“ (Papst Franziskus, G-7-Gipfel 2024 in Apulien).

Papst Leo konzentriert seine Ausführungen ausgehend von der Würde eines jeden Menschen, der ontologischen bzw. kreatürlichen Würde, die jeder aufgrund seines Daseins besitzt. Deswegen auch der programmatische Titel:  Magnifica humanitas = wunderbare Menschheit. Das ist die „Würde, die einem jeden Menschen allein aufgrund der Tatsache zusteht, dass er existiert, dass er von Gott gewollt, geschaffen und geliebt ist“(MH 52). Auch wenn der Mensch ein begrenztes Wesen ist und wir allenthalben unsere Begrenzungen spüren, entfaltet er sich gerade in dieser Begrenztheit (MH 118).

Diese Würde steht und stand im Laufe der Geschichte oft unter Druck. Bemerkenswert ist, dass Papst Leo sich für die so späte Verurteilung der Sklaverei, erst durch Papst Gregor XVI. und Papst Leo XIII. im 19. Jahrhundert, im Namen der Kirche aufrichtig entschuldigt (MH 176) – einer Kirche, die sowohl in den katholischen Seemächten als auch in einzelnen institutionellen Kontexten selbst in die Strukturen des Sklavenhandels verstrickt war. Dabei zeigt sich auch, wie sehr historische Blindheit selbst ganze Epochen prägen kann. Die Menschenwürde muss sich daher immer neu bewähren: in der Wahrheit, in der Arbeitswelt, im Frieden und in der Freiheit.
Und gerade deshalb lädt Papst Leo uns ein, „uns auf der Baustelle unserer Zeit die Hände schmutzig zu machen“ – also nicht Zuschauer zu bleiben, sondern uns einzubringen, wo Würde gefährdet ist. Das kann im großen politischen Zusammenhang geschehen, aber ebenso im persönlichen Umfeld, wo Respekt, Gerechtigkeit und Aufmerksamkeit konkret werden. Vielleicht beginnt es genau dort: im nicht Wegsehen, im Widersprechen, im bewussten Handeln. Denn Menschenwürde will nicht nur gedacht, sondern gelebt werden – und sie braucht Menschen, die sich dafür verantwortlich fühlen.

b) Bedrohung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung durch rechtsextremistische Parteien und Gruppierungen

Die Menschenwürde und der Zusammenhalt der Gemeinschaft sind nach unserer Ansicht auch bedroht durch rechtsextremistische Parteien. Deswegen positionieren wir uns als Kirchen im aktuellen Wahlkampf sehr eindeutig.
Rechtsextremistische Ideologien propagieren ein dualistisches Menschenbild, kennen Menschen erster und zweiter Klasse, Deutsche und Nichtdeutsche. 
Das widerspricht diametral unserer Überzeugung, dass alle Menschen von Gott gleich geschaffen sind. Als Kirche unterscheiden wir nicht zwischen Deutschen und Nichtdeutschen, Flüchtlingen und Arbeitskräften. Jeder Mensch in Not hat Anspruch auf Hilfe, Schutz, Heimat und Bildung. 

Als Kirche bringen wir uns hier bewusst mit unseren Hilfswerken, der Caritas, den Dienst in den Gemeinden, den Schulen und Kitas ein.
Und wir haben als Kirche gelernt, die Meinung anderer wertzuschätzen und als Bereicherung zu sehen. Grundrechte, Glaubens- und Meinungsfreiheit sind für uns zentrale Rechte aller Bürger:innen und Bürger.
Unsere Natur ist für uns keine Ressource, die wir unbegrenzt ausbeuten können, sondern sie ist uns anvertraute Schöpfung. Damit verträgt sich kein radikaler Marktliberalismus.
Dieser Gedanke steht im Horizont der katholischen Schöpfungslehre, wie Papst Franziskus sie in Laudato si’ entfaltet. Die Welt ist kein Besitz des Menschen, sondern ein gemeinsames Gut.
Darum kann die Schöpfung nicht als bloßes Objekt wirtschaftlicher Verwertung verstanden werden. Franziskus erinnert: „Die Natur kann nicht als etwas von uns Getrenntes betrachtet werden. Wir sind Teil der Natur“ (LS 139). Wer die Welt ausschließlich unter dem Blick des Nutzens betrachtet, verfehlt damit auch den Menschen.
Wie gehen wir als Kirche mit diesen aktuellen politischen Herausforderungen unserer Gesellschaft um? 
Indem wir politisch unsere Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit und Nationalismus. Indem wir mit Ihnen, den anwesenden Politiker:innen und Aktivist:innen für die freiheitlich-demokratische Grundordnung kämpfen.

c) Bedrohung durch fehlende eigene Ressourcen

Wie stellen wir uns als Kirche hier konkret auf? Das ist jetzt eine Frage an uns selbst.
Eine Antwort unseres Erzbistums lautet: SeSam.
Das Projekt SeSam (kurz für „Sendung und Sammlung“) ist eine große Neuausrichtung der katholischen Kirche im Erzbistum Hamburg. Ausgangspunkt ist die Frage, wie Seelsorge in Zukunft funktionieren kann, wenn es weniger hauptamtliches Personal gibt, geringere Finanzmittel zur Verfügung stehen und sich kirchliches Leben stärker verändern muss.

Der Name „Sendung und Sammlung“ beschreibt dabei das Grundprinzip: Christinnen und Christen sind „gesendet“, also in die Welt geschickt, um ihren Glauben zu leben, und zugleich „gesammelt“, also in Gemeinschaft verbunden. Die Idee ist, dass Kirche weniger über große feste Strukturen funktioniert, sondern stärker über Netzwerke von Menschen, Engagement und lokalen Orten, an denen Glaube konkret gelebt wird. Die Kirche will und muss vor Ort leben – das kann sie nur durch die getauften und gefirmten Mitchristen, die das gemeindliche Leben vor Ort selbst gestalten. Die Basisstation in Schwerin und Rostock wollen dazu Unterstützung bieten.
Bedeuten diese Veränderungen, dass sich Kirche damit aus der Gesellschaft und Politik zurückzieht? Nein.
Kirche war historisch immer schon als „Sauerteig“ gedacht, als „Salz der Erde“. Es geht nicht immer um Quantität, es geht um Qualität. Wir werden uns weiterhin einbringen – so gut wir können, mit allen Kräften, die wir haben: für die Bewahrung der Schöpfung, für eine gerechte Gesellschaft und für die Würde jedes einzelnen Menschen!

 

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