Es gilt das gesprochene Wort
Als Franziskus sein Lebensende herannahen fühlt, lässt er sich vom Bischofspalast, wo er gepflegt wurde, zur Portiunkulakapelle tragen. Diesen Ort wählt er für seine letzten Stunden bewusst aus. Solche Rituale sind in herausfordernden Zeiten und Wendepunkten des Lebens von großer Bedeutung. Hier hatte er seine Berufung gefunden, von hier aus hat er die Brüder in alle Welt geschickt, auch nach Deutschland. Hier wurde Klara eingekleidet, hier versammelten sich seine Brüder jedes Jahr zum Kapitel. Hier will Franziskus seine letzte große Reise antreten am 3. Oktober 1226. Er lässt sich Brot bringen und teilte es, ganz so wie Jesus beim letzten Abendmahl. Einer der Brüder liest aus dem Johannesevangelium vor. Es ist die Stelle, wo es heißt, „vor dem Osterfest“.
Während heute viele Menschen anonym sterben, trägt Franziskus Sorge dafür, dass seine Brüder seine letzten Stunden miterleben. Er gestaltet diese letzte Phase bewusst aus, hat den Eindruck, es ist ein eigener Gottesdienst für ihn.
Und er selbst fügt seinem Sonnengesang einen weiteren Vers hinzu: „Gelobt seist du Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod“. Wie bei seiner Geburt möchte er nackt auf dem bloßen Erdboden liegen und sterben. Bleibt auch am Ende seines Lebens der „Herrin Armut“ treu. Franziskus dämonisiert den Tod nicht, sondern nimmt ihn als Teil der Schöpfung ernst. Wer sich allen Geschöpfen geschwisterlich verbunden weiß, der braucht auch dem Tod nicht mit Angst zu begegnen. Der Tod ist für ihn kein Gegner; er ist auch nicht bloß das biologische Ende. Der Tod ist nicht die Schreckgestalt für ihn, das Skelett oder der Sensenmann. Franziskus hat eine große Nähe zum Tod. Er stellt ihn hinein in die große Geschwisterlichkeit der Schöpfung, in der Sonne und Mond, Wind und Wasser, Feuer und Erde ihren Platz haben. Alles, was geschaffen ist, wird transparent auf Gott hin – selbst der Tod.
Einen Tag später überführt man seinen Leib in die Stadt und begräbt ihn in der Kirche San Giorgio.
Sterben und Tod gehören zu den Themen, über die wir meist erst dann sprechen, wenn Sie uns in unserem persönlichen Umfeld einholen. Dabei begleitet uns die eigene Endlichkeit von Beginn unseres Lebens an. Nichts ist am Beginn unseres Lebens klar, was aus uns wird, wie unser Lebensweg verlaufen wird; eines aber steht fest: wer geboren wird, wird irgendwann sterben. Der Philosoph Martin Heidegger hat diese Wirklichkeit in eine berühmte Formel gefasst: das menschliche Dasein ist „Sein zum Tode“.
Das mag hart klingen – aber es ist Realität unseres Lebens! Und gleichzeitig gibt es jeden einzelnen Moment in unserem Leben sein eigenes Gewicht, alles hat seine Bedeutung und seinen eigenen unverwechselbaren Wert. Wer den Tod nicht aus seinem Leben verdrängt, der kann bewusster leben, lieben und hoffen.
Franziskus geht es nicht um den Tod der anderen. Er denkt an seinen eigenen Tod, er spricht über sein eigenes Sterben. Das macht ihn und seinen Sonnengesang gerade an dieser Stelle so glaubwürdig. Hier redet keiner, der den Tod aus einer sicheren Entfernung betrachtet. Hier redet einer, der ihm unmittelbar ins Angesicht schaut.
Franziskus beschönigt den Tod nicht, er nimmt ihn als Wirklichkeit ernst und an – und stellt ihn gleichzeitig in den Horizont Gottes hinein. Der Tod bleibt Tod. Aber er hat nicht das letzte Wort. In einem unserer Kirchenlieder fragen wir: „Mein Los ist Tod, hast du nicht anderen Segen?“
Franziskus stirbt nicht einfach. Der Tod ist für ihn ein Übergang, ein Durchgang: Transitus. Auch heute steht immer noch in vielen Todesanzeigen: er oder sie ist hinüber gegangen.
Eigentlich ist es noch viel mehr: der Tod ist für ihn ein Geschöpf, eine Schwester, die ihn liebevoll abholt und in ein anderes Leben begleitet. Genau deswegen kann er diesen Übergang bewusst annehmen und gestalten. Der Tod ist so etwas wie eine Hebamme bei der Geburt ins ewige Leben.
In unserer Welt ist der Tod allgegenwärtig. Oft lagern wir ihn aus und machen einen Bogen um ihn. Der Tod ist nie abstrakt. Es stirbt immer ein Mensch, der geliebt hat und geliebt wurde, gehofft und gestritten hat gelacht und geweint hat… Der russische Schriftsteller Jewgeni Jewtuschenko sagt: „Wenn ein Mensch stirbt, dann stirbt mit ihm sein erster Schnee, sein erster Kuss, sein erster Kampf“. Eine persönliche und einmalige Geschichte hört mit dem Tod hier auf Erden auf.
Franziskus spricht nicht nur vom körperlichen Tod, sondern „vom zweiten Tod“, der denen kein Leid antun wird, die in Gott geborgen sind. Das ist sein Glaube.
Wenn wir heute das Sterben des heiligen Franziskus vor 800 Jahren feiern, dann rührt es auch uns immer noch an und vielleicht stellen sich einige Fragen im Hinblick auf unseren eigenen Tod:
Wo möchte ich mein Leben vollenden? Gibt es Rituale, die mich stärken könnten? Wem möchte ich um mich haben? In welches Kleid möchte ich am Ende gehüllt sein? Kann ich den Tod die Schwester oder Bruder anreden und ihm einen Namen geben wie Franziskus?
Das ist weit mehr als all das, was in einer Patientenverfügung zu regeln wäre.