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Predigt

Predigt zum Fronleichnamsfest

04. Juni 2026
St. Marien-Dom in Hamburg

Die Eucharistie ist nicht einfach eine heilige Stärkung oder eine Wunderspeise. Es ist die größtmögliche Nähe Gottes zu uns Menschen: Christus gibt uns Anteil an sich: Unsere Teilhabe durch seine Teilgabe.

Erzbischof Dr. Stefan Heße

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Viele unserer großen Feste haben einen ganz eigenen Charakter, sozusagen ein eigenes Gesicht. Das wird verstärkt durch manche Zeichen, die eben nur mit einem Fest verbunden sind: Am Aschermittwoch denkt man an die eindrucksvolle Geste des Aschenkreuzes; am Fest „Darstellung des Herren“ am 2. Februar sind es die Kerzen; die Osternacht ist geprägt von der Lichtfeier und der Tauffeier. Das heutige Fest, Fronleichnam, zeichnet sich seit vielen Jahrhunderten durch die Prozession aus. Das Zeichen der Prozession kommt uns deswegen so nahe, weil es ein eindrückliches Bild für unser Leben, den Lebensweg ist: Man geht von Etappe zu Etappe, ist gemeinsam mit Menschen unterwegs – mal mit einer bestimmten Gruppe, dann wechselt es. Die unterschiedlichen Gesänge schlagen verschiedene Stimmungen an, von feierlich-erhebend, bis melancholisch oder getragen. Die Prozession – ein griffiges Bild und ein aktives zugleich.

Das alttestamentliche Buch Deuteronomium, aus dem wir die erste Lesung gehört haben, fordert uns deshalb gleich zu Beginn auf: „Du sollst an den ganzen Weg denken, den Jahwe dein Gott dich geführt hat.“ (Dtn 8, 2) Ein wertvoller Rat, denn: Oft leben wir ausschließlich im Augenblick und schauen damit nur auf einen Teil unseres Lebens, wir machen eine Momentaufnahme. Das hat gewiss seine großen Stärken, denn nur im Hier und Jetzt kann der Mensch entscheiden, handeln und leben. Und doch geht der Rat des Mose weit darüber hinaus. Er zielt darauf, das große Ganze im Blick zu behalten und zu bedenken, wo und wie Gott uns begleitet und geführt hat. Gerade in schwierigen und herausfordernden Situationen, in den Tiefen und in den Tälern unseres Lebens, wo der Mensch dazu neigt, nur das augenblicklich Schlechte und Schwieriger zu sehen, ist dies ein wahrer Anker. Der wertschätzende Rückblick auf das ganze Leben, und bewusst auf die schönen und hellen Tage erhebt und schenkt neuen Mut. Er zeigt, dass jeder Mensch mehr Widerstandkraft besitzt, als es manchmal in einem Moment der Krise scheint. Er zeigt ebenso, dass unser Gott, ein Gott ist, der mitgeht. Ein wichtiger Ratschlag: Schau auf deinen ganzen Weg.

Die kurze Lesung aus dem ersten Brief des heiligen Paulus an die Gemeinde in Korinth unterstreicht auf ihre Art und Weise den Gedanken, dass Gott uns auf diesem Weg nicht allein stehen und gehen lässt. Paulus tut das mit dem Begriff der Teilhabe. Von frühen Zeiten an wurde die Eucharistie mit den Gestalten von Brot und Wein gefeiert. Für Paulus war zentral: Wenn wir dieses Mahl zum Gedächtnis feiern, dann haben wir Anteil an Christus selbst. Eucharistiefeier heißt: Christus verteilt sich, er gibt uns Anteil an sich selbst und dadurch werden wir zu Teilhabern an ihm. Gerade weil die Eucharistie als Symbol ein zutiefst mit dem menschlichen Leben und Überleben verbunden ist – ohne Trinken und Essen ist Leben nicht möglich – wird deutlich, wie ernst Jesus es mit seinem Weggeleit meint. Er will uns Speise, er will uns Trank sein. Wir dürfen uns auf ihn verlassen, wie auf das tägliche Brot. Und es geht sogar darüber hinaus, denn die Eucharistie ist nicht einfach eine heilige Stärkung oder eine Wunderspeise. Es ist die größtmögliche Nähe Gottes zu uns Menschen: Christus gibt uns Anteil an sich: Unsere Teilhabe durch seine Teilgabe. Er geht in unser Innerstes ein, tritt „unter unser Dach“, wie wir vor dem Empfang der Eucharistie beten, um bei uns zu sein und mit uns zu gehen.

Ein kürzlich aufgefundener Bericht aus der Bombennacht in Lübeck am 5. April 1942 bezeugt ein solches Beispiel. So berichtet die damalige Oberin der Grauen Schwestern, Mutter Lucia Scholz, wie in der Nacht die Stadt in Flammen steht und die Häuser rund um das Marienkrankenhaus Funken umhersprühten. Der damalige Lübecker Kaplan, Johannes Prassek, brachte aus dem Tabernakel der Herz-Jesu-Kirche zu den Schwestern das Allerheiligste herüber. Gemeinsam mit den Patienten wurde die "Anwesenheit des Heilands" als Trost und Stärkung empfunden. Sr. Lucia schreibt: „In nächster Nähe mit dem Herrgott fühlten wir uns ruhiger…wie wohltuend und beruhigend haben die gemeinsamen Gebete auf die Kranken gewirkt.“

Diese Nähe, dieser Trost ist jeden Tag für uns da. In jedem Tabernakel, in jeder heiligen Messe, die gefeiert wird. Und dies nicht erst, wenn die Bedrängnis – möge es nie dazu kommen, so groß ist, wie in jener Palmarum-Nacht von 1942 in Lübeck.

Das Evangelium weitet sodann diesen Gedanken auf die Ewigkeit aus. Ewigkeit ist nicht einfach eine unendliche Zeit, wie wir uns das oft vorstellen. Ewigkeit ist diese unendliche, immerwährende Teilhabe am Leben Gottes. Wer Eucharistie feiert, der darf hoffen, in Ewigkeit aus dieser Lebens– und Liebesgemeinschaft mit Gott und den Mitchristen nicht herauszufallen. Der letzte Satz des Evangeliums bringt es auf den Punkt: „Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“ (Joh 6, 58)

Nimm also den ganzen Weg in den Blick: Deine Vergangenheit von Beginn bis heute – deine Gegenwart als Teilhabe Christi – und deine rosige Zukunft in dieser immerwährenden Teilhabe an Gott.

Amen

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