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Predigt

Bischofswort zum Ansgarfest 2026

06. Februar 2026
St. Marien-Dom Hamburg

„Die Kirche ist von ihrem Wesen her immer extrovertiert. Es gibt sie für die anderen, für die Welt, für die Menschheit und nicht zum Selbsterhalt. Wir dürfen den Menschen Gutes tun. Wir sind gerufen, das Leben der Welt schöner zu machen, die Schöpfung zu erhalten, uns für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen, Menschen bei ihrer Suche nach Sinn zu begleiten und von der Schönheit unseres Glaubens mitzuteilen oder einfach nur in der Stille für sie da zu sein und manches mit ihnen zu tragen oder auszuhalten."

Erzbischof Dr. Stefan Heße

Liebe Glaubende im Erzbistum Hamburg!

Proexistenz – ein wichtiger theologischer Begriff. Er besagt: Keiner von uns tut einen Dienst für sich, lebt für sich selber (vgl. Röm 14,7f), sondern stets für andere. Als Christen sind wir immer Menschen, die proexistent sind. Das ergibt sich schlicht daraus, dass Jesus Christus selbst nicht für sich gelebt hat, sondern sein ganzes Leben für andere, für die ganze Menschheit eingesetzt hat. Deswegen kann es bei uns nicht anders sein. Jesus selbst lädt uns dazu ein, aus aller Selbstreferenzialität, also dem Kreisen um sich selbst, heraus in das Engagement für die anderen zu kommen – egal, ob sie zu unserer Kirche gehören oder nicht. Man könnte noch umfassender sagen: Die Kirche ist von ihrem Wesen her immer extrovertiert. Es gibt sie für die anderen, für die Welt, für die Menschheit und nicht zum Selbsterhalt. Wir dürfen den Menschen Gutes tun. Wir sind gerufen, das Leben der Welt schöner zu machen, die Schöpfung zu erhalten, uns für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen, Menschen bei ihrer Suche nach Sinn zu begleiten und von der Schönheit unseres Glaubens mitzuteilen oder einfach nur in der Stille für sie da zu sein und manches mit ihnen zu tragen oder auszuhalten. Die vielen Heiligen, gerade die „Heiligen von nebenan“ (Papst Franziskus) zeigen uns im Laufe der Geschichte, wie kreativ und einfallsreich man dabei sein kann. In ihrer ganzen Unterschiedlichkeit bringen sie zum Ausdruck, dass die Proexistenz Freude macht und Freude schenkt. 

Das Für-andere-da-Sein verbirgt sich auch hinter dem Begriff Sendung bzw. Mission. Mission leitet sich ab vom lateinischen „mittere, missio“, was „senden, Sendung“ bedeutet. Jesus selbst hat seinen Jüngern immer wieder aufgetragen: „Geht – geht hinaus in die ganze Welt“ (vgl. Mk 6,7 oder Mt 28,16ff). An diese missionarische Dimension werden die Gläubigen am Ende jeder heiligen Messe erinnert, wenn der Diakon „Gehet hin in Frieden“ ruft. Auf Lateinisch „Ite, missa est“ – „Geht, ihr seid gesandt!“ 

Da unser Erzbistum das flächenmäßig größte in Deutschland ist, bieten sich in Mecklenburg, Schleswig-Holstein und Hamburg genügend missionarische Felder. War der Begriff lange Jahre belastet, wird er heute in der Theologie wieder verstärkt benutzt. Die missionarische Dimension geht nämlich auf Jesus Christus zurück. Vielleicht muss man noch genauer sagen: Sie hat ihren Ursprung im Wesen Gottes selbst. Gott ist missionarisch. In ihm gibt es ein lebendiges Hin und Her zwischen Vater und Sohn in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. In der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus hat Gott die größte und bedeutendste Missionsreise auf sich genommen, die es überhaupt gibt: Er ist zu uns Menschen aufgebrochen. Ohne diese göttliche Mission wäre der Glaube bei uns Menschen niemals angekommen. Alle, die an ihn glauben, stehen in der Verpflichtung, Zeugen für seine göttliche Liebe zu sein, zuallererst durch ein proexistentes Leben.

Sendung und Sammlung, SeSam – unter dieser Überschrift befassen wir uns seit über einem Jahr auf verschiedenen Ebenen in unserem Erzbistum mit großen Veränderungen. Mit unserem SeSam-Projekt wollen wir die anstehenden Herausforderungen aktiv gestalten und nicht einfach über uns ergehen lassen. Wir können absehen, dass die Zahlen der hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger, aber auch unsere finanziellen Spielräume kleiner werden. Aus vielen Gemeinden weiß ich, wie schwer es ist, Ehrenamtliche und Engagierte zu finden, die das Gemeindeleben weitertragen. Deswegen möchte ich allen ausdrücklich und herzlich danken, die in den verschiedenen Gremien, in der Katechese, in Diensten der Gemeinde und für den Gottesdienst, bei den Ministranten und in der Jugendarbeit, in der Kirchenmusik und in anderen Bereichen einen persönlichen Beitrag für die Ortsgemeinde oder das Erzbistum leisten und für so viele da sind. Ihnen allen ein herzliches Vergelt’s Gott!

An dieser Stelle ist mir wichtig, unsere Sendung konkret zu machen. Lassen Sie mich einige direkte Fragen stellen, die sich jede und jeder zu Herzen nehmen kann: Zu wem fühle ich mich gesandt? Wem könnte ich hilfreich zur Seite stehen? Auf welche Weise? Wo wartet jemand auf ein Zeichen der Nähe und Beziehung? Was könnten wir in unserer Gemeinde gemeinsam angehen, z.B. alte Menschen besuchen oder Einsame? Gerade unter den Letztgenannten gibt es auch viele Jüngere. Wo sehen wir in unserem Stadtteil eine Not, die dringend einer Antwort bedarf? Wenn unsere Kräfte klein sind – was liegt dennoch im Rahmen unserer Möglichkeiten und wo brauchen wir Verbündete? Jesus hat seine Jünger meist zu zweit ausgesandt; das kann auch heute sehr bestärkend sein. Vielleicht helfen diese Fragen, um unserer Sendung als Christen auf die Spur zu kommen. Vielleicht hilft es aber auch, sich darüber auszutauschen, wer bereits unterwegs ist und so die Sendung lebt. 

SeSam – Sendung und Sammlung. In der Theologie der letzten Jahrzehnte wurde vor allem das Stichwort der Sammlung meist mit dem lateinischen Begriff communio stärker betont. Dabei denken wir gewiss beim Hören schnell an die Kommunion. Der Empfang des Leibes und Blutes Christi ist die tiefste Basis für unser geschwisterliches Miteinander. Indem wir Anteil an Jesus Christus bekommen, bildet sich die Gemeinschaft der Kirche. Die Eucharistie ist insofern kirchenbildend, und von hier aus werden wir ausgesendet. Wir sind nicht Kirche aus unseren eigenen Kräften und Möglichkeiten, wir können Kirche nie selbst machen. Je tiefer wir mit Christus verbunden sind, umso mehr sind wir es untereinander. 

Wenn wir in Zukunft leider nicht mehr so häufig die Eucharistie feiern können oder die Wege zu einer Messfeier weiter werden, dann liegt mir sehr daran, dass wir uns trotzdem regelmäßig zu Gebet und Gottesdienst versammeln. Das können intensiv vorbereitete Wort-Gottes-Feiern sein, das können Zeiten der stillen Anbetung sein, das kann in der Fastenzeit das Gebet des Kreuzweges sein. Als weitere Gebetsformen gehören für mich der Rosenkranz oder das meditative Taizé-Gebet dazu. Wie gut ist es, wenn Haus- oder Familienkreise zusammenkommen und mit Gebet oder Bibellesung beginnen oder schließen!

Sich senden lassen und sich sammeln und Gemeinschaft leben aus dem Gebet – diese beiden Pole gehören eng zusammen. Daher gefällt mir, dass das SeSam-Projekt als „Fahrplan“ , als Linienplan dargestellt ist. Alle wichtigen Punkte sind als miteinander verbundene Haltestellen abgebildet; sechs Oberthemen sind wie Bahnlinien dargestellt. Es ist ein schönes Bild dafür, dass wir – wie im ÖPNV – gemeinsam auf dem Weg sind.

Ähnlich wie man sich in einer Großstadt erst orientieren muss und sich mit dem Verkehrsnetz vertraut macht, so ist es nun an uns, uns mit dem „Fahrplan“ für die Zukunft unseres Erzbistums Hamburg vertraut zu machen. Ich weiß, dass die aktuellen Entwicklungen rund um SeSam manchem Angst und Sorge bereiten. Lassen Sie uns gemeinsam fahren – es ist Platz für alle und niemand muss diese Reise allein antreten. Meine Bitte ist daher, dass wir gemeinsam und mutig losziehen – wie Ansgar, unser erster Bischof, auf seiner Reise nach Skandinavien, die sich in diesem Jahr zum 1.200sten Mal jährt. Seien wir füreinander da als Christen, die – so wie es uns auch Ansgar gezeigt hat – die Proexistenz leben, indem sie sich missionarisch und mutig senden lassen.

Ihr

+Stefan

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