Es gilt das gesprochene Wort
Liebe Schwestern und Brüder,
das Jahr 2017 wird für viele von uns verbunden bleiben mit dem Gedenken an die Reformation vor 500 Jahren. Wir haben als Erzbistum Hamburg mit der Nordkirche dieses Gedenken in verschiedenen Gottesdiensten und Begegnungen begangen und vor allem Christus gefeiert. Wie viele bin ich dankbar, dass wir dieses Gedenken nicht in einem Gegeneinander begangen haben, sondern in einem Miteinander. Bei allem, was uns unterscheidet und trennt, ist das Gemeinsame immer größer. Es ist der eine Glaube an den dreifaltigen Gott, es ist das Bekenntnis zu Jesus Christus und seinem Heiligen Geist, der in dieser Welt lebt und wirkt, was uns miteinander verbindet. Wir leben in einer Stadt, in der nur noch etwa vierzig Prozent der Menschen Christen sind (also die Mehrheit nicht). Wir müssen darum einander stärken und miteinander die frohe Botschaft unseres christlichen Glaubens aussprechen und leben. Das gilt nicht nur für uns Katholiken zusammen mit den Protestanten. Das gilt auch für die vielen kleineren christlichen Gemeinschaften hier in unserer Stadt wie etwa die orthodoxen Christen oder die orientalischen Christen, die auf ihrer Flucht zu uns gekommen sind und nicht zuletzt für die zahlreichen Freikirchen. Auf der Grundlage des Gemeinsamen können wir dann auch das betrachten, was uns unterscheidet: das Verständnis der Kirche, die Auffassung über das Amt, das Abendmahl bzw. die Eucharistie und die Sakramente überhaupt.
Dass es immer noch so viele unterschiedliche, ja getrennte christliche Kirchen und Konfessionen gibt, zeigt doch, dass die Einheit beileibe noch nicht erreicht ist und die Reform bzw. Reformation noch nicht an ihr Ziel gekommen ist. Re-form bzw. Re-formation heißt doch wörtlich übersetzt: wieder in Form kommen. Gemeint ist, wieder in die Ursprungsform zu kommen, also in die Form Jesu Christi. Denn wir Christen sind sein Leib, wie Paulus sagt. Da haben wir noch viel vor uns. Wir werden in diesem Leben nie an ein Ende kommen. Wir müssen ernst nehmen, dass wir Menschen immer hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben, dass wir sogar gegen unsere Möglichkeiten handeln. Wenn es so etwas gibt wie Schuld und Sünde, dann bedürfen wir immer der Reform, der Umkehr. Deswegen spricht das Zweite Vatikanische Konzil von der Ecclesia semper reformanda bzw. genauer von der Ecclesia semper purificanda, der Kirche, die immer gereinigt und geheilt werden muss. Hierbei denke ich nicht nur an die Schuld, für die jeder Einzelne von uns eine Verantwortung trägt, sondern auch die Schuld, die auf der Kirche als Ganzes lastet. Es ist einfach schrecklich, in den vergangenen Wochen von den vielen Missbräuchen an Kindern und Jugendlichen zu hören, die in Australien geschehen sind. Reform und Reformation bringen es also immer mit sich, in Buße die eigene Schuld nicht zu verschweigen, um Vergebung zu bitten, niemals die Hoffnung aufzugeben, nach vorne zu schreiten und immer wieder von neuem zu beginnen.
Liebe Schwestern und Brüder,
zum Weihnachtsfest hat mir ein Mitbruder, mit dem ich studiert habe, einen Gruß geschickt. Er schreibt: „Weihnachten feiern wir die ganz große Reformation der Welt und des Menschen.“ Die eigentliche Reformation hat wohl nicht 1517 stattgefunden, sondern schon bei Christi Geburt. Der eigentliche Reformator ist Jesus Christus selbst. Er will den Menschen wieder in die Form zurückführen, in der Gott ihn gedacht hat. Er tut das nicht mit Worten, sondern er tut das durch sein ganzes Leben. Er lebt uns vor, wie Gott den Menschen gedacht und gewollt hat.
Reform wird sich also immer an Jesus Christus orientieren müssen. Sie wird letztlich auch immer nur durch und mit ihm geschehen. Papst Franziskus spricht in Evangelii gaudium sogar von einer Revolution: „Der Sohn Gottes hat uns in seiner [Menschwerdung] zur Revolution der zärtlichen Liebe eingeladen.“
Liebe Schwestern und Brüder,
das Jahr 2018 wird uns im Erzbistum Hamburg aufgrund unserer wirtschaftlichen Schieflage eine Reihe von Reformen, vielleicht sogar Revolutionen bescheren. Liebgewordene Formen, vertraute Strukturen – vieles davon werden wir nicht halten können, weil uns einfach das Geld dafür fehlt. Heute stehen diesbezüglich noch keine Entscheidungen fest. Wir werden aber in den ersten Monaten des neuen Jahres zu Entscheidungswegen kommen und auch konkrete Entscheidungen fällen müssen. Manches davon wird uns schwerfallen – Ihnen und mir selber auch.
Die Gestalt der Kirche hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gewandelt. Es gibt nicht die eine Gestalt von Kirche, die über die Jahrhunderte immer gleich bliebe. Die Gestalt unserer Kirche kann, ja sie muss sich wandeln mit der Zeit, in der sie steht. Denn der konkrete Mensch ist immer die Orientierung für unser kirchliches Leben und Tun. Aber der Auftrag unserer Kirche dabei, das was sie ausmacht, das Wesentliche, das gilt es zu erhalten. Ja, das gilt es immer stärker in den Bick zu nehmen. Könnte es nicht sein, dass in dieser Situation uns manches aus den Händen genommen wird, damit Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist stärker in die Mitte gerückt werden? Ich jedenfalls bin mir sicher: Egal wie die äußere Gestalt unserer Kirche aussieht – und wenn man in die Weltkirche hineinschaut, dann sieht man, dass es in anderen Ländern ganz ganz anders geht – eines das trägt uns: Christus, der zur Welt gekommen ist, der in unserer Kirche lebt und wirkt, der mit seinem Wort und seinen Sakramenten mitten unter uns ist, der uns alles gibt, was wir brauchen – nämlich sich selbst. Er lädt uns ein, ihm mehr und mehr gleichförmig zu werden. Mit ihm auf dem Weg und mit ihm als Ziel: Dann geht nichts schief! Dann sind wir auch in Zukunft Kirche für die Welt. Amen.