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Predigt

Silvesterpredigt 2016

31. Dezember 2016
Hamburg

Es gilt das gesprochene Wort

Liebe Schwestern und Brüder,

wieder stehen wir am Ende eines Jahres, in dem die Friedensbotschaft der Engel am Heiligen Abend mehr Sehnsucht als Realität ist. Man braucht dazu nur einige Städtenamen nennen, die für Krieg, Verfolgung oder Terror stehen: Aleppo, Kairo, Istanbul, Kabul ... und jetzt auch Berlin. Manchmal frage ich mich besorgt – und vielleicht geht es Ihnen genauso –, ob sich auch Hamburg irgendwann in dieser Liste finden wird oder ob und wann endlich Frieden sein wird.

Vor kurzem las ich in einer Zeitschrift den Artikel eines „Flüchtlingspaten“. Er er-zählt, wie er mit zwei syrischen Flüchtlingen Münster besucht und berichtet: „Dann habe ich sie ins Rathaus mitgenommen und vom Westfälischen Frieden, dem zuvor geführten Dreißigjährigen Krieg, von den marodierenden Armeen und von der Ermordung eines Drittels der Menschen damals in Mitteleuropa erzählt. Reaktion: Ganz wie heute in Syrien. Dann waren wir im Dom; dort habe ich ihnen von Kardinal von Galen, von seinen Predigten in den Ruinen des Domes und von der Angst der Nazigrößen erzählt, die sich nie getraut hatten, Münster zu betreten, weil da dieser von Galen ihnen entgegengetreten war mit all seinen (gläubigen) Bürgern. Reaktion: Ganz wie heute in Syrien; nur – wir haben keinen von Galen; in Syrien reden sie nicht miteinander wie im Friedenssaal nach dem Dreißigjährigen Krieg.“ (Franco Rest in Katholische Bildung 11/2016, S. 463f)
„...wir haben keinen von Galen; in Syrien reden sie nicht miteinander wie im Friedenssaal nach dem Dreißigjährigen Krieg...“ Liebe Schwestern und Brüder, die zwei Syrer machen darauf aufmerksam, was es für den Frieden braucht: Engagement und Dialog. Es braucht Menschen, die sich für den Frieden engagieren und es braucht den fruchtbaren Dialog zwischen Menschen, Parteien und Staaten und Religionen. Was es hingegen nicht braucht, macht Papst Franziskus in seinem Wort zum morgigen Weltfriedenstag deutlich: „Die Gewalt ist nicht die heilende Behandlung für unsere zerbröckelte Welt.“ (Papst Franziskus: Gewaltfreiheit: Stil einer Politik für den Frieden. Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2017)

Wenn wir von Menschen sprechen, die sich für Frieden einsetzen, dann sind das keine ‚braven Schweiger’, die sich heraushalten. Kardinal von Galen, der die Syrer beeindruckt hat, hat mit seinen Predigten sein Leben riskiert. Auch heute setzen sich Christen in Gebet, Wort und Tat mutig für Frieden und die Menschenrechte ein. Ich denke etwa an die katholische Gemeinschaft Sant’Egidio. Ihre Mitglieder engagieren sich aktiv für den Frieden und setzen sich für Flüchtlinge ein, auch wenn das unpopulär ist.
Papst Franziskus fordert uns auf, zu „Handwerkern des Friedens“ (s. o.) zu werden. Handwerker sind Menschen, die anpacken. Friede entsteht nicht durch Unterlassen. Aktive Gewaltfreiheit ist nicht nur das Ende der Gewalt, sondern das Engagement für Versöhnung und Entwicklung. Die Masse der negativen Nachrichten führt oft zu Abstumpfung oder zu einem Gefühl der Ohnmacht. Aber wir dürfen das nicht zulassen. Wir müssen im Kleinen das tun, was uns möglich ist. Wir wissen es ja meist genau, was dran ist, und müssen ‚nur’ unsere inneren Widerstände überwinden. Das ist am Anfang schwierig, wenn wir uns für diesen Weg entscheiden. Aber je länger wir das einüben, desto leichter wird es.

Die Herstellung und Bewahrung des Friedens braucht neben dem mutigen Engagement vieler auch den Dialog aller: aufrichtiges Zuhören, Respekt und Offenheit für das Gegenüber, selbst wenn er mein Feind ist, konstruktive Beteiligung und das Aushalten von bleibenden Gegensätzen.
Im Zusammenhang mit der Tragödie von Aleppo ist oft vom Scheitern der Vereinten Nationen die Rede. Diese wurden nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen, um „künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren“ (Präambel der Charta der Vereinten Nationen). Der Dialog der Nationen zur Bewahrung des Frie-dens soll hier seinen festen Ort haben. Denn Frieden ist kein Zustand, der – einmal erreicht – sich selber bewahrt. Aber diese Organisation hat es bislang nicht ver-mocht, in Syrien den Frieden zu bewahren oder herzustellen. Das ist wohl nicht die Schuld der UNO selber. Die besten Organisationen funktionieren nur, wenn die einflussreichen Akteure wirklich Frieden wollen. Der Dialog – ob in der Weltpolitik, den Religionen oder in der Familie – lebt letztlich von Menschen, die wirklich gewillt sind, das Miteinander über das Gegeneinander zu stellen.

Liebe Schwestern und Brüder, Engagement und Dialog entstehen nicht von selber. Sie leben von verschiedenen Haltungen oder Einsichten. Drei wichtige möchte ich etwas näher umschreiben:

Die eigene Umkehrbedürftigkeit

Wenn wir Frieden stiften wollen, müssen wir fragen, wo er beginnt. Es gibt den Satz, der Frieden beginnt vor der eigenen Haustür. Aber das stimmt nicht. Der Frie-den beginnt in meinem Herzen – oder er beginnt nicht. Papst Franziskus sagt, der grundlegende Kampf findet in unserem Herzen statt. Tagtäglich ringen wir doch um die richtigen Entscheidungen. Die Linie zwischen Gut und Böse, zwischen Richtig und Falsch verläuft nicht zwischen Gruppen, Religionen, Völkern, sondern zu al-lererst durch jeden Menschen. Das müssen wir ehrlich anerkennen. Das anzuer-kennen, ist schon ein erster Schritt Richtung Frieden: Wer um seine eigene Be-grenztheit und Fehlbarkeit weiß, der kann auch andere Menschen akzeptieren und teilt nicht Menschen und soziale Gruppen nach gut und böse ein.

Vergebung und Feindesliebe

Die Einsicht in die eigene Begrenztheit hat mit einer anderen Haltung zu tun, der Vergebungsbereitschaft und Feindesliebe. Wir vergeben uns nichts, wenn wir ver-geben. Versöhnung und Vergebung nötigen uns unter Umständen Opfer ab. Aber bei Gott verlieren wir nichts – im Gegenteil. Er selber hat es uns vorgemacht: Bei dem, was Menschen anderen Menschen antun, hätte er allen Grund zur Rache o-der zur Vernichtung der Welt. Aber was macht er? Er wird selber Mensch und opfert noch seinen eigenen Sohn für uns. Nachfolge heißt darum manchmal auch, die eigenen gerechten Ansprüche fallen zu lassen.

Konkrete Hoffnungsvisionen

Frieden ist etwas Umfassenderes als die Abwesenheit von Gewalt. ‚Schalom’, so der biblische Begriff, ist auch das Ende von Hunger und Not, Krankheit und Angst. Wir müssen dem Krieg diese umfassende Friedensvision gegenüberstellen. „Der Friede ist der einzig wahre Weg menschlichen Fortschritts“, sagt Papst Franziskus (s. o.). Der Krieg bringt vielleicht technische Innovationen, aber er beendet weder Armut noch Ausgrenzung. Wenn militärischer Frieden erreicht ist, aber Armut und Elend nicht besiegt sind oder Unfreiheit herrscht, ist erneuerter Krieg oder Terror nur eine Frage der Zeit.

Liebe Schwestern und Brüder, „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“, berichtet uns das heutige Evangelium. Maria nimmt in ihr Herz auf, was Gott an ihr und für alle Menschen getan hat. Wenn Gewalt und Friede in unseren Herzen beginnen, dann sollte das auch unsere Haltung sein: Den Frieden, den Gott uns schenken will, in unser Herz aufnehmen. Wenn wir ihn dort aufnehmen, kann er uns von innen her verwandeln und aus uns strahlen. Wir können Frieden nicht erzwingen. Die wenigsten von uns sind einflussreiche Politiker. Aber wir können die Vision einer friedlicheren Welt konkret leben und ausbreiten. Vielleicht ein Vorsatz für das neue Jahr?

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