Es gilt das gesprochene Wort!
Aus den vergangenen Tagen geht mir immer noch ein Gespräch mit einem Priester unseres Erzbistums durch den Sinn. Wir haben uns ausgetauscht über die Situation in seiner Pfarrei, über den Gottesdienstbesuch, über die Herausforderungen, über vieles, was nicht läuft, und auch über manche Aufbrüche. Dabei hat er mehrmals das Wort Sehnsucht benutzt. Er sprach von der Sehnsucht einiger Gemeindemitglieder. Um Menschen mit Sehnsucht mache er sich keine Sorgen. Wenn sie ihrer Sehnsucht folgen, werden sie suchen, was sie brauchen, werden dorthin gehen, wo sie es finden.
Die Fastenzeit, die wir heute beginnen, ist eine Zeit der Sehnsucht. Wir lassen dieses und jenes beiseite. Indem wir verzichten, wollen wir nach dem suchen, was unser Leben wirklich reich, schön und gut macht. Die Fastenzeit vermag dadurch sogar unsere Sehnsucht zu steigern. Wir verzichten, um unsere Sehnsucht besser kennen zu lernen: Was stillt meine Ursehnsucht? Wo liegt sie begraben? Wo ist das Feuer unter der Asche meines Lebens? Was sättigt mich wirklich?
In den kommenden 40 Tagen deckt uns dazu die Kirche den Tisch des Wortes überaus reich. Da knausert sie nicht, da ist von Verzicht wenig zu spüren. Im Normalfall lesen wir in den Werktagsgottesdiensten eines der über 70 biblischen Bücher mehr oder minder der Reihe nach vor. Diese lectio continua hat durchaus etwas für sich: Man kann am Ball bleiben, man wird mitgenommen in einen konkreten Zusammenhang. In der Fastenzeit tut die Kirche das nicht, sie wählt aus. Sie serviert für jeden Tag ein neues Menü: eine Lesung als „Vorspeise“, ein Evangelium als „Hauptspeise". Damit lädt uns die Kirche zum genauen Hören auf diese wertvollen Bibeltexte ein. Sie sollen und können uns wirklich sättigen.
Dieses Hören können wir gemeinsam tun, wenn wir zur Kirche kommen; wir können es auch in der Stille für uns tun, wenn wir diese heiligen Texte lesen und auf uns wirken lassen. Die Texte finden Sie leicht in den sozialen Medien – oft sogar ergänzt durch eine gute Erklärung. Dazu braucht es nur ein paar wenige Minuten. Hören meint in der Fastenzeit besonders den Verzicht auf eigene Worte, erst recht auf ungute, verletzende, verfehlte, harte Worte. Hören will einen Raum schaffen für Gottes Stimme. Wenn ich höre, will ich den anderen tiefer und besser verstehen, und nicht mein eigenes Echo hören.
Denken wir in diesen Tagen an Jesus: er zog sich 40 Tage in die Wüste zurück und hat aus der Kraft des Wortes Gottes den Widersacher besiegt. Oder noch ein anderes Beispiel: Mose bleibt 40 Tage lang auf dem Sinai, fern ab vom Alltag in der Stille, um Gottes Wort zu empfangen.
Geben auch wir in den 40 Tagen dieser Fastenzeit Gott mehr und mehr Raum – nur er stillt unsere Sehnsucht. Oder wie die heilige Theresia sagt: Solo Dios – Gott allein - basta!