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Predigt

Silvesterpredigt von Erzbischof Stefan Heße

31. Dezember 2015
St. Marien-Dom Hamburg

Liebe Schwestern und Brüder,

der Jahreswechsel kommt mir immer wieder vor wie das Durchschreiten eines großen Portals. Man lässt vieles hinter sich, tritt durch das Portal hindurch und geht hinein in einen neuen Raum, der noch leer und unberührt erscheint. Das, was am Jahreswechsel in so besonderer Weise geschieht ereignet sich eigentlich Tag für Tag im Kleinen. Jeder Morgen ist ein Durchschreiten eines Portals in einen neuen Tag. Und so ist es nicht verwunderlich, dass wir das nicht nur am Jahreswechsel im Sinn haben, sondern immer wieder.

Auch der Übergang vom Leben zum Tod ist solch ein Tor. Mir fallen spontan die Namen einiger Verstorbener des zu Ende gehenden Jahres ein; alle haben sie etwas mit dem Norden zu tun: Sieger Köder – er gestaltete den Altar in unserer Kirche in St. Heinrich Kiel; Günther Grass als literarische Größe aus der Hansestadt Lübeck; Pierre Brice, den viele aus seinen Tagen aus Bad Segeberg kennen; Egon Bahr, der Gestalter der bundesdeutschen Ostpolitik; und natürlich Helmut Schmidt.

Liebe Schwestern und Brüder, für mich persönlich war der 17. Januar ein Tor von dem einen, gewohnten Raum hin zu anderen, neuen Raum. An diesem Tag erhielt ich einen Telefonanruf des damaligen Diözesanadministrators Ansgar Thim mit der Nachricht: „Das Hamburger Domkapitel hat dich heute zum neuen Erzbischof gewählt“. Zunächst war diese Botschaft für mich vollkommen unerwartet und klang auch vollkommen unglaubhaft. Mir war nicht danach zumute, durch ausgerechnet dieses Tor hindurch zu gehen. Wenige Tage später bin ich dann tatsächlich zum ersten Mal durch die Tore des Hamburger Flughafens auf das Gebiet des Erzbistums Hamburg getreten und durch die Tore dieses Portals in den Hamburger Mariendom. Am 14. März habe ich hier die Bischofsweihe empfangen. In den vergangenen Monaten bin ich durch unzählige Tore hindurch gegangen, in die Gemeinden, in die Pastoralen Räume, in viele Einrichtungen zu Menschen in unserem Erzbistum, zu vielen Seelsorgern …. Ich bin dankbar, dass mir in den vergangenen Monaten so viele Menschen die Tore ihrer Gemeinden, ja auch ihre persönlichen Lebenstore weit geöffnet haben. Ich kann sagen: Mir wurde eigentlich nie die Türe vor der Nase zugeschlagen. Stück für Stück kann ich hineintreten in die Weite unserer riesigen Erzdiözese. Ich kann – wie man so sagt – Land gewinnen, indem ich meine Füße Schritt für Schritt auf bisher unbekanntes Terrain setzen darf. Und dabei mache ich eine Erfahrung: So leer, so unbekannt, so unberührt und ungestaltet ist dieses Land bei weitem nicht. Es ist ein Land, in dem Gott längst seine Spuren hinterlassen hat und immer wieder hinterlässt. Es ist ein Land, in dem ich, wenn auch in Diasporaverhältnissen, den christlichen Glauben und Gläubigen begegnen darf. Gott sei Dank!
Als ich zu Beginn des Jahres meinen Dienst hier in Hamburg begann, hätte ich nicht gedacht, dass Migration und Flucht und Vertreibung so bestimmende Themen für mich würden. Und nicht nur für mich, sondern für unser ganzes Land. Ich hätte nicht gedacht, dass die Frage nach den Grenzen, nach dem Öffnen und nach dem Schließen so bestimmend würde. Die Fragen nach Obergrenzen, nach Asyl, nach Willkommen, nach Integration. Vor allem hätte ich nicht daran gedacht, als jüngstes Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz gerade diese Aufgabe als „Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen“ zugesprochen zu bekommen.

Liebe Schwestern und Brüder. Diese riesige Migrationsbewegung, die derzeit die Welt bestimmt, lässt sich nicht mit einer wie auch immer gestalteten Mauer aufhalten oder lösen. Ich bin dankbar für die vielen Zeichen des Willkommens, die viele Menschen in unserer Stadt, in Mecklenburg und Schleswig-Holstein gesetzt haben und setzen. Auch für die vielen Zeichen aus unseren christlichen Gemeinden und Einrichtungen heraus. Aber es wird weitergehen und weitergehen müssen. Die Integration der vielen Menschen, die bei uns bleiben werden, wird ein langwieriger, schwieriger und sicher auch teurer Prozess werden. Vor allem werden wir daran arbeiten müssen, uns auszutauschen, den Dialog zwischen den Kulturen, den Religionen, ja, zwischen den Menschen zu pflegen. Das wird nicht leicht werden. Auch hier braucht es einen Dialog – wie wir so gerne in anderen Zusammenhängen sagen – „auf Augenhöhe“. Es bringt nichts auf die Menschen, die zu uns kommen, auf irgendeine Art und Weise herab zu schauen. Und es geht erst recht nicht an, eine zweigeteilte Welt zu konstruieren: hier wir und da die anderen. Versuchen wir mit allen unseren Kräften – auch mit der Kraft unseres Verstandes, aber noch mehr mit der Kraft unseres Herzens – den Weg vom Willkommen zur Integration Schritt für Schritt im neuen Jahr weiterzugehen.
Liebe Schwestern und Brüder. Vor einigen Wochen hat Papst Franziskus anlässlich der Eröffnung des Heiligen Jahres die Heiligen Pforten am Petersdom und in den großen Patriarchalbasiliken in Rom geöffnet. Und wir hier in unserem Erzbistum am Mariendom und in den Propsteien in Kiel, Schwerin und Lübeck. Ich sehe den Papst noch vor mir, wie er die schweren Portale der Heiligen Pforte in Rom öffnet und aufstößt. Ich habe den Eindruck, es geht unserem Papst um eines: Dass wir durch die Pforten der Barmherzigkeit Gottes hindurch treten; dass wir nicht nur die Schwere dieser alten, großen Türen sehen und damit die Schwere der Ereignisse, die wir alle zu bewältigen haben und die auch 2016 auf uns zukommen werden. Im Gegenteil, wir könnten sagen: Die Pforte ist niemals verschlossen, sondern der Weg zu Gottes Barmherzigkeit ist immer offen. Die Tür ist immer angelehnt, du brauchst sie eigentlich nur aufzustoßen, und dann kannst du durch gehen. Und wie ein Leitwort stellt Papst Franziskus für dieses Jubiläum der Barmherzigkeit uns sozusagen als Überschrift über jedes Portal vor Augen: Super omnia misericordia eius: Über allem sein Erbarmen. Über allem seine Barmherzigkeit.

Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen 2016 gelingt, beim Hindurchschreiten der vielen Toren und Türe in Ihrem Leben, der großen und kleinen, der schweren und leichten, stets die Spur von Gottes Barmherzigkeit entdecken zu können.

Amen.

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