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Predigt

Predigt zum Jahreswechsel

31. Dezember 2022
Christuskirche / Rostock

Es gilt das gesprochene Wort!

(Les. : 1 Joh 2, 18-21 ; Ev. : Joh 1, 1-18)

Liebe Schwestern und Brüder,

vor wenigen Tagen ist in Berlin im Atrium eines Hotels ein 16 m hohes Aquarium geplatzt. 1 Million Liter Wasser flossen einfach dahin; die meisten der 1500 tropischen Fische sind verendet. Man kann von Glück sagen, dass das Unglück früh am Morgen passierte und so Schlimmeres verhindert wurde. Ein Ereignis zur Jahreswende, das seine ganz eigene Sprache spricht. Es passt zu einem Weihnachtsgruß, den ich von einem Ordenspriester erhalten habe. Er kommt zu dem Schluss: 2022 – „ein Jahr der zerplatzten Träume: Träume vom Frieden, Träume von der Überwindung der Pandemie, Träume von einem ruhigen und sorgenfreien Leben… So vieles hat sich verändert“.

Wie das Aquarium in Berlin zerplatzte, so sind Träume und Hoffnungen, Erwartungen und Pläne zerplatzt – zerplatzt wie eine Seifenblase. Vielleicht darf ich anmerken, dass es in einem der sogenannten Bayern-Fenster im Kölner Dom unterhalb der Darstellung eines der großen Kurfürsten ein winziges Detail gibt, das man nur mit dem Fernglas wahrnehmen kann, nämlich ein Engel, der ein kleines Röhrchen im Mund hat und aus der Seife Blasen entstehen lässt. Damit soll dem mächtigen Herrscher darüber gesagt werden: Pass auf, überschätze dich nicht, am Ende musst du sterben und dein Ruhm und deine Macht werden zerplatzen wie eine Seifenblase.

Der Traum des Friedens ist seit dem 24. Februar durch den Angriffskrieg auf die Ukrainer zerplatzt. Und damit ist die etablierte Weltordnung ins Wanken geraten; wer hätte sich vorstellen können, dass wir uns Gedanken machen, welche Räume wir wie hoch heizen werden? Die Sorgen um unser Klima weltweit sind für viele wie eine Blase, die kurz vor dem Platzen steht. Für manche ist die Kirche in einer derartigen Krise, dass sie sich Sorgen ums Ganze machen. Der kürzlich veröffentlichte Religionsmonitor belegt das. Ganz zu schweigen von den vielen Träumen unseres eigenen persönlichen Lebens, die platzen. Ich denke zum Beispiel an einige Menschen aus unserem Erzbistum, die in den letzten Wochen eine für sie einschneidende gesundheitliche Diagnose erhalten haben. Jeder von uns weiß um diese kleinen und großen Seifenblasen, die ganz schnell platzen können. Und keiner von uns wird das verhindern oder aufhalten können. Denn wir können diese Blasen nicht festhalten und vor dem Platzen schützen.

Aber was können wir tun? Wie können wir uns verhalten? Wie können wir von 2022 nach 2023 hinübergehen, ohne in die Depression zu stürzen?

Manche sagen: zum Leben gehört beides: die guten Tage, aber auch die schlechten, die Höhen und die Tiefen, das Gelingen und das Scheitern. Der Prophet Kohelet aus dem Alten Testament predigt:
Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden. (Kohelet 3, 1-8)

Schwestern und Brüder, der Volksmund reiht solche Erfahrungsweisheiten nicht nur aneinander, sondern sortiert sie nach dem Motto: Scherben bringen Glück. Vielleicht können wir auch als Christen übersetzen: Ostern gibt es nicht ohne Karfreitag. Oder in diesen weihnachtlichen Tagen können wir einfach das Johannesevangelium aufgreifen: „das Licht leuchtet in der Finsternis“ (Joh 1,5). Es gibt also nicht nur das pure Licht, sondern immer die Gegensätze, die manchmal sehr nah beieinander liegen. Der Evangelist Johannes meditiert aber nicht nur über diesen Gegensatz, sondern er hat eine zentrale Überzeugung, von der er nicht abweicht: das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst! Das Licht ist immer stärker als die Finsternis – und mit diesem Licht ist nicht irgendein Kerzchen oder ein Feuer im Kamin gemeint. All das geht irgendwann aus und danach ist es wieder finster. Es geht nicht um Lichtwellen oder Quanten, die heiße Körper aussenden.

Wenn Johannes hier über das Licht und die Finsternis meditiert, dann geht es ihm um Gott und im Gegensatz dazu um alles und jedes, was ihm feindlich gegenübersteht. Gott hat nicht nur Licht und verbreitet nicht nur Licht, sondern er ist das Licht. „Und keine Finsternis ist in ihm“ (vgl. 1 Joh 1,5). In unserem großen Glaubensbekenntnis sagen wir von Gott: Licht vom wahren Licht. Gott ist also durch und durch Licht, einfach nur herrlich. Die Finsternis und das Gegen-Göttliche haben dagegen keinen positiven Ursprung. Die Finsternis ist die Verneinung des Lichtes. Finsternis ist nur gegen das Licht, hat aber keine eigene Substanz. Das Licht scheint immerfort. Nur da, wo es verdunkelt wird, entsteht Finsternis.
Wenn wir uns also auf das Licht einlassen und uns ihm nicht in den Weg stellen, dann leuchtet dieses Licht immerfort, dann verliert die Finsternis ihren Einflussbereich. Wir haben es also entscheidend mit in der Hand, ob wir die Dinge und die Welt in Finsternis verdunkeln lassen oder im Licht Gottes erhellt wissen. Stellen wir uns dem Licht nicht in den Weg, sondern lassen wir es strahlen. Dann sehen wir weiter und tiefer, dann sehen wir, wo wir herkommen, wo wir stehen und wohin wir gehen.

Liebe Schwestern und Brüder,
2022 sind so manche Blasen geplatzt und 2023 werden weitere platzen. Davon müssen wir ausgehen. Aber selbst zerplatzte Seifenblasen spiegeln oft genug noch das Licht der Sonne wider. Stellen wir uns jetzt zum Jahreswechsel, aber in jedem neuen Tag des kommenden Jahres in das Licht, das Gott selbst ist. Versuchen wir, es möglichst wenig und selten zu verdunkeln und abzuschwächen. Lassen wir Gott hinein strahlen in unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Ein Bild davon konnte ich in den letzten Tagen hier in Rostock beim europäischen Jugendtreffen der Gemeinschaft von Taizé erleben. Von diesem Licht wurde immer wieder gesungen in den bekannten Liedern von Taizé, zum Beispiel: „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke mein Licht. Christus meine Zuversicht, auf dich vertrau‘ ich und fürcht‘ mich nicht, auf dich vertrau‘ ich und fürcht‘ mich nicht.“ (GL 365) Oder: « Jésus le Christ, lumière intérieure, ne laisse pas mes ténèbres me parler. Jésus le Christ, lumière intérieure, donne-moi d’accueillir ton amour. / Christus, dein Licht verklärt unsre Schatten, lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht. Christus, dein Licht, erstrahlt auf der Erde und du sagst uns: Auch ihr seid das Licht“. Gehen wir mit solchen Liedern auf den Lippen und im Herzen gemeinsam in das neue Jahr!
Der bekannte geistlicher Autor und Priester Johannes Bours formuliert: „Es muss in dieser Zeit größten Umbruchs, letzter schrecklichster Todesbedrohung der Welt einige geben, die mit ihrem ganzen Leben versuchen, das Lied von der Hoffnung weiterzusingen“. Das tun alle, die den Weg des Vertrauens von Taizé auch 2023 weitergehen.

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