Startseite > Erzbistum > Bistumsleitung > Predigt in der Jahresschlussmesse
Startseite > Erzbistum > Bistumsleitung > Predigt in der Jahresschlussmesse
Predigt

Predigt in der Jahresschlussmesse

31. Dezember 2020
St. Marien-Dom / Hamburg

Es gilt das gesprochene Wort!

Predigt von Erzbischof Stefan in der Jahresschlussmesse
am 31. Dezember 2020


Liebe Schwestern und Brüder,

„Dinner for one“ - am heutigen Abend wird dieser Film wieder im Fernsehen laufen, wie jedes Jahr. Aber in diesem Jahr wird das „Dinner for one“ nicht nur im Fernseher laufen, sondern auch vor dem Fernseher, in den Wohnzimmern, in unseren Wohnungen und Häusern: Dort wird es dann zugehen wie bei Miss Sophie und ihrem Butler James. Die Gesellschaft zum Feiern ist ganz schön geschrumpft. Und vielleicht haben viele den Eindruck, dass dies nicht erst heute der Fall ist, sondern dass die letzten Monate wie ein einziges „Dinner for one“ waren.

Wir leben seit März in einer sehr außergewöhnlichen Situation, deren Ende und Ausgang wir noch gar nicht absehen können, auch wenn mit dem Impfstart, zuerst der Schwächsten und der Herausgefordertsten in unserer Gesellschaft, jetzt Hoffnung aufkeimt. Wir leben in einer ungewissen Zeit, in einer Zeit des Umbruchs; es wird deutlich, wie wenig wir die Zukunft planen können, geschweige denn im Griff haben und darüber entscheiden können. Ich selbst (und viele von Ihnen) sind bisher nicht erkrankt. Aber wir wissen auch: Das könnte schon morgen anders sein! Wir spüren in dieser Zeit besonders die Verwundbarkeit, die Zerbrechlichkeit unseres Lebens; wir sind eben nicht vollkommen immun. Auch wenn wir jetzt eine Mund – und Nasenbedeckung tragen, Corona hat uns in gewisser Weise die Masken genommen. Die Pandemie führt uns aber ebenso die Kostbarkeit des menschlichen Lebens vor Augen, seine Würde und den Einsatz so vieler dafür, für den ich nur danken kann.

Zu den Erfahrungen der letzten Monate gehören für viele von uns die physische Distanz und da-mit auch oft die soziale Distanz, fast wie beim Dinner for one. Meine eigenen Eltern haben mir vor kurzem gesagt: „Wenn das so weitergeht, werden wir zu Einsiedlern“. Viele Menschen haben seit Wochen und Monaten ihre Freunde und Bekannten, ja ihre eigenen Familienangehörigen nur aus der Distanz erfahren, vielleicht per Telefon oder Skype, oder ganz klassisch per Brief. Aber der direkte Kontakt, ja ein Umarmen, ein Sich-Begegnen, das man noch spüren und greifen kann, das fällt seit Wochen und Monaten aus. Wir wissen, dass es vor allen Dingen gerade jungen und alten Menschen besonders zu schaffen macht, von den langfristigen Folgen ganz zu schweigen.

Es war ein Jahr, in dem wir die Erfahrung machen mussten: „fällt aus“. Vieles fand nicht statt, in unserem kirchlichen Leben, allem voran viele Feste, viele Treffen und Ereignisse. Am 7. Januar konnten wir hier im Dom noch einen großen Festgottesdienst zum 25-jährigen Bestehen unserer Erzdiözese feiern. Seitdem ist der Dom nie mehr so voll gewesen. Ähnlich ist es in den Gemeinden und Verbänden und vielen Gruppierungen unseres Bistums. Wenn dieses und jenes wegfällt, ausfällt, rückt in den Blickpunkt das, was bleibt, was dennoch stattfinden kann – wenn auch ganz anders. Manches wird digitalisiert, z.B. durch eine Videokonferenz ersetzt. Man greift bewusster zum Telefonhörer oder schreibt wieder (mit Hand) einen Brief, nimmt sich Zeit für Kontakte, die sonst nicht oder nur kurz ausfallen. Ich mache die Erfahrung: manches ist nicht, dafür anderes umso intensiver.

Besonders deutlich wurde all das für mich in diesem Jahr durch eine vollkommen veränderte Sakramentenspendung: die Erstkommunionfeiern waren ganz anders, viele Brautpaare haben innerlich darunter gelitten, dass ihre Hochzeit verschoben werden musste oder vielleicht gar nicht stattgefunden hat oder nur im kleinsten Kreis. Große Änderungen hat die Praxis der Firmspendung in unserem Erzbistum erfahren. Weil eben nicht so viele in unseren Kirchen zusammen-kommen dürfen, musste die Zahl der Firmgottesdienste erweitert werden. In einer Pfarrei unsere Erzdiözese fanden allein 17 Gottesdienste zur Firmung statt, immer mit ganz kleinen Gruppen. In einer anderen Pfarrei wurde die Firmung im Freien gefeiert, sodass doch eine größere Anzahl von Gläubigen zusammenkommen konnte. In vielen Pfarreien fand die Firmung nicht in einer Eucharistiefeier statt, sondern in einem Wortgottesdienst. Ich bin dankbar, dass neben Weihbischof Eberlein und mir viele Priester aus unserem Erzbistum das Sakrament der Firmung in diesem Jahr den Jugendlichen und Erwachsenen gespendet haben. Mir ist es wichtig, gerade die jungen Menschen zu begleiten und zu erreichen. Viele haben 2020 erfahren, dass die herkömmlichen Wege der Vorbereitung abrupt unterbrochen wurden, wir mussten andere Wege der Katechese und des Feierns finden. Oft wurde mir gesagt und ich habe es selbst auch so erfahren: es ist durchaus konzentrierter, wesentlicher, inniger. Diesen Weg gehen wir 2021 weiter.

Lassen Sie mich ein weiteres Beispiel nennen, an dem wir feststellen können, wie sehr sich das kirchliche Leben, besonders der Gottesdienst, verändert hat: Im Lockdown im Frühjahr hatten wir unsere Kirchen immer offen, aber wir konnten zeitweise keinen gemeinsamen Gottesdienst fei-ern. Wer hätte sich vor einem Jahr vorstellen können, dass wir uns Ostern nicht versammeln können! Seit Mai kommen wir in überschaubaren Gruppen zusammen, viele bleiben weg und finden andere Gottesdienstformen. Etwas, das offenbar sehr vielen zu schaffen macht, ist die Art und Weise, wie wir seitdem die Gottesdienste feiern: eher schlicht, hoffentlich kürzer, und natürlich immer auf Distanz und mit Mund- und Nasenschutz. Und dann müssen wir auf den Gesang verzichten. Singen kann man vielleicht noch zu Hause unter der Dusche oder wenn man alleine ist, aber wegen des Ausstoßes der Aerosole geht es im Gottesdienst nicht. Hier wird deutlich, dass der Gesang nicht nur einfach eine Verzierung ist, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Liturgie. „Wer singt, betet doppelt“ - dieser Satz wird schon dem alten Kirchenvater Augustinus zugeschrieben, auch Martin Luther soll ihn geäußert haben. Beim Singen singen wir gleichsam unseren Glauben aus unserem Innern heraus. Wir singen ihn Gott entgegen und wir singen ihn miteinander. Es ist eben etwas ganz anderes, ob ich allein vor mich her singe oder ob wir gemeinsam in ein Lied einstimmen. Der gemeinsame Gesang weitet sozusagen unser Miteinander bis hinein in die himmlische Liturgie. Im Singen bringen wir gleichsam das Unsagbare zum Ausdruck. Es wird sicher auch noch dauern, bis wir wieder kräftig miteinander singen können. Ich hoffe, dass dieser Tag eines Tages wieder da ist.


Liebe Schwestern und Brüder,
so skurril das „Dinner for one“ auch sein mag, vielleicht ist es doch gut, es heute wieder einmal anzuschauen und sich von Miss Sophie ein wenig inspirieren zu lassen. Sie lässt sich jedenfalls das Feiern nicht nehmen, sie lässt sich die Freude nicht nehmen. Auch wenn heute Abend viele Plätze leer bleiben und wenn dieses Silvester und dieses neue Jahr ganz anders ausfallen als alle Jahreswechsel zuvor: Weder Trauer noch Furcht sind die richtigen Wegbegleiter für den Übergang ins neue Jahr, sondern Mut, Vertrauen, Zuversicht und Hoffnung. Gott sei Dank feiern wir in un-seren Kirchen nicht ein „Dinner for One“, sondern das Gedächtnis des letzten Abendmahles. Christus lädt uns immer wieder an seinen Tisch, seine Einladung steht – auch im neuen Jahr! Die Weihnachtsbotschaft der Engel „Fürchtet euch nicht!“ will mit uns über den Jahreswechsel in das Jahr 2021 mitgehen. Wenn wir auch nicht wissen, was alles kommt und wie es kommt, eines steht fest: ER geht mit uns alle Wege dieses neuen Jahres!

Weitere Predigten

Bischofswort zum Ansgarfest 2026

St. Marien-Dom Hamburg
06. Februar 2026

Hirtenwort anlässlich des Ansgarfestes 2025

St. Marien-Dom Hamburg
03. Februar 2025
powered by webEdition CMS