Es gilt das gesprochene Wort!
Liebe Schwestern, liebe Brüder,
in wenigen Stunden geht das Jahr 2019 zu Ende; ich nehme eine Reihe von Erinnerungen vom alten in das neue Jahr mit hinüber: Ich denke an den Brand der Pariser Kathedrale Notre-Dame, ich sehe vor mir Greta Thunberg, die eine ganze Generation von Menschen wachrüttelt für unsere Schöpfung. Ich bin dankbar für 30 Jahre deutsche Einheit gerade in einer Diözese, die aus Schleswig-Holstein und Hamburg und Mecklenburg besteht. Ich sehe unsere katholische Kirche in Deutschland vor mir mit der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs, mit der Bewegung Maria 2.0 und dem synodalen Weg, der gerade erst in den Startlöchern steht. Sie mögen dies ergänzen durch Ihre Erinnerungen und Bilder von 2019.
Es wird deutlich: ein Jahr voller Bewegung, voller Veränderung: weltweit – in unserem Erzbistum und auch sehr persönlich. Leben ist immer geschichtlich und dynamisch; es kennt Aufbrüche, Umzüge, Veränderungen und manchmal Abbrüche.
Man kann den Eindruck haben, dass es nicht nur ein paar äußerliche Veränderungen sind, sondern dass wir geradezu in einem epochalen Wandel stehen, ablesbar vor allem an der zunehmenden Globalisierung, der Digitalisierung und der weltweiten Migration.
Bitte: Suchen wir in all den Bewegungen nicht einfach nach Schuldigen, denen wir den „schwarzen Peter“ zuschieben für das, womit wir uns selber schwertun. Reden wir unsere Zeit weder einfach schlecht noch einfach schön! Im Gegenteil: Wir sind in diese Zeit hineingestellt, ohne dass wir sie uns ausgesucht hätten. Papst Franziskus ruft uns in Erinnerung: Wir sind „gewürdigt“, hier und heute zu leben. Deswegen ist unser erster Angang der Dank für diese Zeit, diesen Ort, diese Menschen, diese Schätze und diese Herausforderungen. Dank gerade an einem Tag wie Silvester!
Unser zweiter Angang: Gott findet sich in dieser Zeit. Gerade in diesen weihnachtlichen Tagen feiern wir, dass Gott in Jesus Christus unser Zeitgenosse geworden ist. Der Jesuit Alfred Delp weist uns darauf hin: „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.“ Das schrieb er am 17. November 1944 – es trifft auch auf den 31. Dezember 2019 zu und darüber hinaus.
Vor einigen Wochen konnte ich hier in Hamburg den Film „Die zwei Päpste“ anschauen. Er malt eine Begegnung zwischen Papst Benedikt XVI und seinem Nachfolger in Castel Gandolfo aus. Dabei finden die beiden in ihrer Unterschiedlichkeit zueinander. Der Autor lässt den einsamen Pontifex Benedikt grübeln: „Ich spüre Gottes Gegenwart nicht mehr, ich höre Gottes Stimme nicht mehr: Ich brauche ein spirituelles Hörgerät.“ – also nicht ein Hörgerät vom Hörgeräteakustiker, sondern die innere, geistliche Fähigkeit, auf die Zeit und die Menschen so zu hören, dass mir Gottes Stimme daraus entgegenspricht.
Dann der dritte Angang: ich kann und will auf diese Stimme antworten – antworten, indem ich die Chancen auslote und ergreife, indem ich handle: Was geht? Was geht nicht? Der Papst ermuntert uns immer wieder, Prozesse in Gang zu setzen, also nichts Statisches, das wir errichten, sondern Prozesse, also Bewegungen – und unsere Kirche ist zuallererst eine Bewegung, keine Institution! Die ersten Christen nannte man noch schlicht und einfach: „Anhänger des neuen Weges“ (Apg 9,2).
Liebe Schwestern und Brüder, in wenigen Tagen werden wir zu Beginn eines neuen Jahrzehnts am 7. Januar 2020 den 25. Geburtstag unseres Erzbistums feiern können. Mein Geburtstagswunsch für unser Bistum: immer neue Glaubensprozesse mit einem Gott, der unser Zeitgenosse ist; tiefe Beziehungen untereinander in unseren Gemeinden und Verbänden, in unseren Kitas und Schulen und überall, wo Christen leben; und weitere Beziehungen mit möglichst vielen Menschen, mit denen wir in dieser Zeit zusammenleben dürfen und uns diese eine Welt teilen.