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Predigt

Predigt in der Osternacht

04. April 2026
St. Marien-Dom in Hamburg

Die letzte Station des Kreuzweges wird zur ersten Station von Ostern: das Grab. Ostern muss dort anknüpfen. Nur so können Grab und Auferstehung, Tod und Leben zusammenkommen. Ansonsten bliebe alles hoffnungslos und sinnlos. Gott will unsere Gräber öffnen.

Erzbischof Dr. Stefan Heße

Es gilt das gesprochene Wort!

 

( Les.:  3-7 AT Lesungen incls. Ex 14,15-15 ; 1 Röm 6, 3-11;  Ev.: Mt 28, 1-10)

Gräber lösen ganz unterschiedliche Gefühle bei uns aus: Trauer, Beklemmung oder Angst. Sicher werden die meisten von uns schon einmal vor einem offenen Grab gestanden haben und sich an diese oder jene Beerdigung erinnern. Erst Recht an jene von sehr vertrauten Menschen, an die Trauer und an Tränen, an liebe Begleiterinnen und Begleiter und sicher auch an die eigene Ohnmacht. 

Jedes Grab gleicht einem Geheimnis. Trauernde Angehörige geben dem Verstorbenen oft noch etwas mit ins Grab, nicht nur Blumen, sondern vielleicht einen Brief oder ein Foto, vielleicht ein Stofftier oder manchmal ein von den Enkeln gemaltes Bild. Wir können noch etwas drauflegen – zuallererst nimmt der Verstorbene sich selbst mit ins Grab: seine Geschichte, seinen Lebenslauf, seine ganze Wahrheit – eben sich selbst, vielleicht hier und da auch ein Geheimnis. Das Grab hütet all das. Und es wird ein Ort der Erinnerung, ja sogar der erinnernden Begegnung mit dem Verstorbenen. Ein Grab ist der letzte Ort eines Menschen hier auf der Erde. 

Maria Magdalena, andere Frauen und die Apostel machen sich zum Grab Jesu auf. Ihre erste Feststellung: Es ist offen! Hat jemand die Grabesruhe gestört? Handelt es sich sogar um Totenschändung? Nur zu gut, kann man die Erschütterung der Frauen verstehen. Doch: Nicht irgendwer hat dieses Grab geöffnet. Engel haben es getan. Damit ist klar: Hier waren Boten Gottes am Werk. Das geöffnete Grab Jesu zeugt also nicht von Vandalismus und Grabesraub. Das geöffnete Grab Jesu ist ein Zeichen der Freiheit. Beim Propheten Ezechiel im Alten Testament gibt es eine wunderbare Stelle, die an das ganze Volk Israel gerichtet ist. Gott ruft seinem Volk zu: „Siehe, ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf.“ (Ez 37,12)

Der auferstandene Christus steht mit seinem ganzen Leben vor Gott. Und er steht dort nicht allein: er nimmt unser menschliches Leben und stellt es an Ostern in den Lichtglanz von Gottes Liebe. Wenn er wirklich am Kreuz die ganze menschliche Existenz dieser Erde getragen hat, wenn er sie mit in den Tod und in das Grab genommen hat – dann kann er sie nicht einfach beiseite legen und abstreifen. Nein, er nimmt die ganze Menschheit aus dem Grab heraus und stellt sich und damit uns in die Offenheit und Herrlichkeit von Gottes ewigem Leben. Die letzte Station des Kreuzweges wird zur ersten Station von Ostern: das Grab. Ostern muss dort anknüpfen. Nur so können Grab und Auferstehung, Tod und Leben zusammenkommen. Ansonsten bliebe alles hoffnungslos und sinnlos. Gott will unsere Gräber öffnen. Das ist der erste Schritt der Auferstehung.  Das geöffnete Grab Jesu ist also die erste Station von etwas ganz Neuem. 

Die zweite ist jene österliche Herrlichkeit, in der wir nun alle stehen: Ostern verändert unseren Standpunkt: Wir stehen und leben in Gottes Leben; im Glanz des auferstandenen Christus.

Und die dritte Station, die erfüllen die ersten Zeugen des Auferstandene: sie sprechen von dieser Veränderung, sie sind auf der einen Seite Zeugen und Zeuginnen und auf der anderen Boten und Botinnen. Sie geben die frohe Botschaft des neuen Lebens weiter.

Gleich werden drei junge Männer das Sakrament der Taufe empfangen und in die Gemeinscheift aller Christen aufgenommen, in die Gemeinschaft jener, die glauben, dass Sünde und Tod nicht das letzte Wort haben. Sie haben solche Boten und Botinnen erlebt, die ihnen den Glauben vorgelebt und verkündet haben. Sie sind solchen Menschen begegnet und wollen nun den christichen Glauben selber in ihr Leben übernehmen, indem sie sich taufen lassen werden.

Unser Taufbecken hier im Dom ist zwar schon relativ groß, jedoch nicht so groß, dass die drei in dieses Taufbecken förmlich hineinsteigen könnten. Alte Taufbecken waren derart groß, dass die Täuflinge dort hineintreten, untertauchen und wieder auftauchen konnten. Damit war das Taufbecken in gewisser Weise wie ein Grab. Das älteste heute noch erhaltene Taufbecken stammt aus einer Hauskirche des 3. Jahrhunderts in dem Gebiet des heutigen Syriens – und es ist in Form eines Grabes gestaltet. Wasser in einem solchen grabförmigen Becken symbolisiert den Sieg über den Tod. Wer in diesem Wasser getauft wird, wird gewissermaßen mit Christus begraben und steigt zu neuem Leben empor.

Die Taufe symbolisierte den Tod, das Hinabsteigen ins Grab und das Auftauchen, die Auferstehung. Wer getauft wird, der hat Teil am Sterben und Auferstehen Jesu, der schon gestorben ist und längst lebt.
Jedes einzelne Sakrament – auch Firmung und Eucharistie –  nimmt uns mit in das Pascha Jesu, in seinen Hinübergang vom Tod zum Leben, vom Grab hin zur Auferstehung.

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