Ohne das Transzendente, das gefeiert wird, verkümmert der Mensch.
Erzbischof Dr. Stefan Heße
Es gilt das gesprochene Wort!
(1. Les.: Ex 12, 1-8.11-1 ; 2. Les.: 1 Kor 11, 23-26 ; Ev.: Joh 13, 1-15)
Liebe Schwestern und Brüder,
am letzten Abend vor seinem Sterben hinterlässt Jesus uns nicht etwas. Er übergibt seinen Jüngern weder ein Monument, noch Urkunde oder Gegenstand, um bei uns Menschen zu bleiben. Er macht es ganz anders. Er trägt seinen Jüngern auf: „Tut – tut dies zu meinem Gedächtnis.“ (Lk 22, 19) Er feiert ein Mahl und bittet darum, es immer wieder genau so zu feiern. Es ist faszinierend, dass diese Wiederholung von damals bis heute nicht abgerissen ist. Bis heute feiern wir dieses Mahl im Sinne Jesu von damals weiter. Das Gedächtnis Jesu geschieht durch ein Tun.
Der kürzlich im hohen Alter von 96 Jahren verstorbene Philosoph Jürgen Habermas wies darauf hin, dass man das Transzendente bewahren müsste. Auch wenn er selbst nicht fromm war und sich als religiös unmusikalisch bezeichnet, hat er dazu gesagt: „Die säkulare Moderne hat sich aus guten Gründen vom Transzendenten abgewendet, aber die Vernunft würde mit dem Verschwinden jeden Gedankens, der das in der Welt Seiende insgesamt transzendiert, selbst verkümmern. (…) Solange sich die religiöse Erfahrung noch auf diese Praxis der Vergegenwärtigung einer starken Transzendenz stützen kann, bleibt sie ein Pfahl im Fleisch einer Moderne, die dem Sog zu einem transzendenzlosen Dasein nachgibt – und solange hält sie auch für die säkulare Vernunft die Frage offen, ob es unabgegoltene semantische Gehalte gibt, die noch einer Übersetzung ›ins Profane‹ harren“ Mit anderen Worte, einfacher gesagt: Ohne das Transzendente, das gefeiert wird, verkümmert der Mensch.
Das Gedächtnis an das letzte Abendmahl ist ein solcher Moment, wo das, was in der Welt vorhanden ist – konkret Brot und Wein – transzendiert wird, verwandelt wird in etwas, das über diese Welt hinausweist. Jesus nimmt für dieses Mahl zwei typische Elemente: das Brot und den Wein. Beide stehen als Zeichen für das Leben, sie sind vom Menschen bereitet durch Anbau, Ernte und Bereitung. Es ist ein Zusammenspiel zwischen Mensch und Schöpfung – die Erde insgesamt. Indem Jesus diese beiden Elemente als Zeichen seiner eigenen Hingabe wählt und sie zu seinem Leib und Blut wandelt, wird sinnbildlich diese Welt, werden wir selbst verwandelt und transzendiert. In seinem Leiden und Sterben wird jedem Menschen Erlösung geschenkt. Wenn wir die Gaben von Leib und Blut Jesu mit Glauben empfangen, werden wir mit hineingenommen in die heilende und heilsame Verwandlung, ja wir werden transzendiert.
Und noch eine andere, tiefe Bedeutung gilt es zu entdecken: Brot wird zuerst gemahlen, gebacken und dann schließlich gebrochen; Wein wird getreten, gekeltert, gepresst. So sind Brot und Wein nicht einfach so Zeichen des menschlichen Lebens, sondern sie sind es in seiner sehr zerbrechlichen Art und Weise. Damit sind sie ein eindrückliches Bild menschlichen Lebens, das immer ein Zusammenspiel aus Würde und zugleich Gebrochenheit ist. Wie fragil ist doch der Mensch und sein ganzes Leben! Die vielen Krisen und Kämpfe großer und kleiner Art, die wir in der Welt und in unserem persönlichen Leben durchmachen, lassen uns das immer wieder spüren. Ja, wenn es dem Menschen schlecht geht, dann fühlt er sich regelrecht wie gebrochen an, eben eine gebrochene Existenz.
Brot und Wein sind damit sind auch ein Zeichen für Christus, der unter dem Kreuz zusammengebrochen ist, der sich am Kreuz vollkommen dahingegeben hat, der nach seinem Tod wie das Weizenkorn in die Erde gelegt worden ist. Brot und Wein spiegeln die Zerbrechlichkeit Jesu wider und der dem Menschen in allem ähnlich wird, auch in der Zerbrechlichkeit unseres Lebens.
Und noch ein weiteres: wenn Jesus sich an das Abendmahl bindet, an die Gestalten von Brot und Wein, dann geschieht sein Gedächtnis im Verzehren. Zwar kennt die Kirche seit dem 12. Jahrhundert die besondere Anbetung der Eucharistie, sei es, dass wir vor dem Tabernakel niederknien, sei es, dass wir vor der Monstranz in feierliche Art und Weise beten oder in einigen Wochen unsere Fronleichnamsprozession wieder halten. Das ist aber eine spätere Entwicklung. Das Erste und das Wichtigste an der Eucharistie ist, den Herrn zu empfangen und zu speisen. Er will unsere Speise sein, unsere Nahrung. Und so bleibt er uns nicht äußerlich und gegenüber, sondern wird uns innerlich und wir werden eins mit ihm, immer dann, wenn wir das Mahl feiern.
Gegenwart des Herrn: im Tun, in Brot und Wein, im Essen und Trinken der eucharistischen Gaben. Über diese Hinterlassenschaft können wir uns dankbar freuen und sie nach unseren Kräften weiter in die Zukunft hinein vermitteln, damit diese Welt nicht auf sich selbst geworfen bleibt und immer wieder transzendiert, emporgehoben wird.
Amen.