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Predigt

Predigt in der Feier der Missa Chrismatis

30. März 2026
St. Marien-Dom Hamburg

Gehen wir in diese Tiefe. Denn nur wenn wir in die Tiefe gehen, können wir auch in die Weite gehen. Man braucht tiefe Wurzeln, um dann weit ausladen zu können. Und unsere Missionsfelder im ganzen Erzbistum sind weit, weitläufig, einfach ein Riesengebiet und weit von den Anforderungen und dem, was die Menschen ausmacht. Deswegen müssen wir tief verwurzelt sein, um weit ausladen zu können.

Erzbischof Dr. Stefan Heße

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Liebe Schwestern und Brüder,

die Augen aller waren auf ihn gerichtet, hieß es gerade im Evangelium aus der Synagoge von Nazareth. In der vergangenen Woche waren die Augen aller woandershin gerichtet. Auf einen Wal. Vor der Küste unseres Bistums. Timmendorfer Strand, das jetzt jeder kennt. Wismar war auch sicher vorher schon nicht ganz unbekannt.

Und es ist nicht nur das blanke Interesse gewesen: Wie geht es diesem einen Wal? Wird er überleben oder nicht? Sondern irgendwie hatte ich den Eindruck, es bewegt die Menschen grundsätzlich. Ein Tier, das offenbar die Orientierung verloren hat, von dem man nicht weiß, ob es überleben wird. Ein Hinweis auf eine Krise der Biodiversität. 

Und damit ist für viele Menschen dieses eine Tier ein Hinweis auf das, was wir mittlerweile die Polykrise nennen. Also nicht nur eine Krise – und die ist dann mal vorbei und dann haben wir mal Ruhe, sondern eine jagt die andere.

Und noch nicht mal das ist es am Ende, sondern sie überlagern sich. Und offenbar macht das vielen Menschen ziemlich zu schaffen, so dass manche sagen: Man weiß gar nicht mehr, worauf man sich verlassen soll. Die Weltordnung ist außer Kraft gesetzt. In der Biologie. Zwischen den Nationen. Das Völkerrecht gilt nicht mehr. Wir haben eine Finanzkrise hinter uns. Wir haben Corona hinter uns – und und und.

Liebe Schwestern und Brüder, ich glaube, dieser Wal kann uns heute Morgen ein paar Hinweise geben. Und mir ist bei der Vorbereitung aufgegangen, dass Jesus ziemlich oft in seiner Verkündigung auf die Tierwelt zu sprechen kommt. Das ist nicht einzigartig, sondern kommt immer wieder vor. Gestern hat er sogar einen Esel genommen und sich draufgesetzt.

Die Rede von den Schafen und den Hirten ist uns bestens vertraut. Der Bock kommt in der Gerichtsrede vor. Aber er kommt auch in der Fastenzeit als Sündenbock bei den Propheten vor.

Es ist die Rede von dem Hund, der sich von den Krumen auf dem Boden ernährt und der für eine Frau zum Durchbruch zum Glauben wird. Wenn schon die Hunde das tun, um wie viel mehr dann wir ? Es ist die Rede von den Spatzen und den Vögeln allgemein. Selbst die winzige Mücke kommt nicht zu kurz. Natürlich ist die Rede vom Fuchs und vom Kamel.

Von der Schlange und dem Skorpion. Alles Tiere, die Jesus in seine Verkündigung einbezieht. Und auch den Wal

Er knüpft an den Propheten Jona. Und, liebe Schwestern und Brüder, das haben wir doch alle so als Kindergeschichte erlernt. Kann man sich wunderbar vorstellen, wie das so gewesen sein könnte.

Aber es ist schon mehr als eine Kindergeschichte. Und dieses kurze Buch und die Replik Jesu darauf verdienen Aufmerksamkeit. Der Wal und Jona in seinem Bauch.

Wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein. So die ausführliche Version bei Matthäus. Die Evangelisten bringen es alle, aber mehr oder minder breit. Und damit ist klar, liebe Mitchristen: Der Jona und das, was da mit dem Wal inszeniert wird, ist ein Typus für Christus. Ein Bild für Jesus Christus selbst. Und nicht irgendeines, sondern eines, das offenbar in der Passionszeit und in dieser Woche einen besonderen Platz hat. Wenn es um das Absteigen geht, im Kreuz. Und im descensus ad inferos – im Hinabsteigen in das Reich des Todes am Karsamstag, in die tiefste Tiefe, die wir uns denken können.

Christus schreckt davor nicht zurück.

Das, was er an Weihnachten in der Inkarnation begonnen hat, spitzt sich im Kreuz und am Karsamstag in eine ungeahnte Tiefe zu.

Und umso mächtiger dann der Aufstieg. Das, was wir Auferstehung nennen.

Liebe Mitbrüder, das ist unser wichtigster Auftrag: Von diesem Ereignis immer wieder zu sprechen und es zu feiern. Das ist die Spitze der Verkündigung. Und wir müssen uns immer wieder daran messen lassen: Bringe ich das zum Ausdruck? Oder mache ich die Botschaft billiger?

Feiere ich das? In der Eucharistie sagen wir das nicht nur, sondern wir begehen es. Und jetzt, am Gründonnerstag, hören wir nicht nur den Bericht über die Einsetzung der Eucharistie, sondern indem wir die Eucharistie feiern, vollzieht sich genau das, was im Abendmahlssaal geschah, hier bei uns. Das ist die Mitte unseres priesterlichen Dienstes. 

Und das wird sich auch durch SeSam im Erzbistum Hamburg nicht ändern. Das wird quantitativ ganz anders, weil wir leider zu wenig Priester haben. Auch wenn heute der Eindruck entsteht, hier sitzen so viele. Sie waren neulich bei der Weiterbildung dabei und haben gesehen, wie sich das altersmäßig verteilt. Sie waren mit einem anderen Mitbruder in dieser Gruppe der einzige unter 45. Ich war der einzige in der Gruppe, der bis 60-Jährigen. Da war kein anderer Priester.

Viele waren in der Gruppe über 60. Und dann braucht man nur ein bisschen hochzurechnen und weiß, wie sich das entwickelt. Und deswegen müssen wir nicht nur handeln, sondern auch das, was uns das Wichtigste ist, immer wieder in die Mitte rücken. Und das ist der Dienst vor allem der Priester. Und der wird gebraucht, auch wenn der vielleicht nicht immer nachgefragt wird. Aber das ist unsere Sendung und die gilt es unter veränderten Bedingungen weiterzuleben. Diesen Christus, der alles für uns gegeben hat.

Der Wal, mit dem wir dann mitfiebern, muss offenbar in tiefes Wasser. Vor Timmendorf hat man ihm eine Rinne gebaggert. Vor Wismar sei sie nicht weit weg. Aber offenbar packt er es nicht aus eigenen Kräften oder will es nicht. Wir können ja nicht in das Tier hineinschauen. Aber die Biologen sagen: Dieser Säuger gehört in tiefes Wasser. In die Tiefe. Und das kennen wir ja alle von dieser Jonaerzählung, der tief abgetaucht ist.

Ich glaube, das kann ein Bild sein für die Tiefendimension unseres Priester- Diakon- und Christ-Seins.

Das kann man nicht an der Oberfläche. Sondern das kann man nur mit Tiefgang. Und auch wenn man einmal für immer zum Priester geweiht ist in der Weihe. Da kommt ja nichts dazu und geht auch nichts ab – aber man wird auch immer Priester. Und für meine Begriffe ist das ein Weg der Vertiefung.

In Hamburg muss man immer wieder die Elbe ausbaggern, sonst liegen wir auf dem Trockenen, die Schiffe kommen nicht an. Wir brauchen eine Vertiefung unseres Glaubens und unserer Spiritualität. Das ist dann manchmal wie Baggerarbeit, kräftige Arbeit. Ich habe das wieder erlebt in der vergangenen Woche, als ich meine Exerzitien machen konnte. Eigentlich eine tolle Erfahrung, in der Fastenzeit das machen zu dürfen. Mit tiefen Anregungen und Impulsen aus der benediktinischen Spiritualität. 

Ich habe zum ersten Mal an den Exerzitien teilgenommen, die alle zwei Jahre für Bischöfe der Deutschen Bischofskonferenz angeboten werden. Bisher habe ich das immer vermieden, weil ich dachte, die Konferenzen reichen. Und ich will nicht auch bei Exerzitien noch über dieses und jenes parlieren müssen. Aber ich war beeindruckt, dass sich eigentlich jeder an das Schweigen hielt, wie das für Exerzitien üblich ist.

Und ich war beeindruckt, meine Mitbrüder eben nicht am Konferenztisch zu erleben, sondern auf der Kniebank vor dem Allerheiligsten und im Gottesdienst oder bei den Vorträgen. Ich glaube, dass das wichtig ist, dass wir uns nicht nur bei Sitzungen treffen, sondern auch geistlich begegnen und dass der eine auch für den anderen zum Hirten wird. Niemand kann Hirte sein für sich selber und aus sich selber heraus, auch der Bischof nicht.

Ich muss auch einen Hirten haben, bei dem ich zum Beispiel beichten gehen kann. Das kann ich nicht selber machen. Und dann bin ich das Schaf und jemand anderes ist der Hirte. Das tut gut, das zu feiern und zu erleben.

Gehen wir in diese Tiefe. Denn nur wenn wir in die Tiefe gehen, können wir auch in die Weite gehen. Man braucht tiefe Wurzeln, um dann weit ausladen zu können. Und unsere Missionsfelder im ganzen Erzbistum sind weit, weitläufig, einfach ein Riesengebiet und weit von den Anforderungen und dem, was die Menschen ausmacht. Deswegen müssen wir tief verwurzelt sein, um weit ausladen zu können.

Jona, das wisst ihr, der ist ja in den Wal gekommen, weil er weglief. Weglief vor Ninive, letztlich weglief vor seiner Berufung als Prophet, weil er auch davor Angst hatte. Weil er mit der Barmherzigkeit Gottes nicht so klarkam. Weil er seine eigenen Wege gehen wollte.

Ich hoffe, dass der Wal uns auch die Botschaft vermittelt: Lauf nicht weg! Lauf nicht weg vor deiner Berufung, lauf nicht weg vor den Konkretheiten deines Lebens. Der Gedanke beschleicht ja jeden von uns: Die Idee, die Wiese des Nachbarn sei viel schöner und viel grüner als die Eigene.

Aber wir sind auf diese Scholle gesetzt. Und wir sollten deswegen gar nicht erst diesen Irrtum des Jona begehen, sondern bleiben, wirken und vor allen Dingen unserer Berufung als Christen und als Geweihte gerecht werden.

Das heißt: Bleib bei deiner Berufung! Man könnte auch etwas pathetisch sagen: Bleib bei deiner ersten Liebe und denk nicht eine Zweite oder Dritte, die könnte noch charmanter sein. Kehre zu dieser ersten Liebe immer wieder zurück!

Liebe Schwestern und Brüder, nicht nur der Wal vor der Küste kann uns in diesen Tagen inspirieren, sondern wir haben diesen Text gehört am Mittwoch der ersten Fastenwoche. Da kommt immer ein kleiner Abschnitt aus dem Buch Jona und das Evangelium, das ich eben zitiert habe. Und in ein paar Tagen, wenn es ganz still ist am Karsamstag, da ist ja noch nicht Ostern, da beginnt ein Psalm mit der Antiphon auf lateinisch „sicut Jona“. Wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tag und drei Nächte im Schoß der Erde sein.

Gehen wir mit Freude auf den diesjährigen Karsamstag zu, auf das Osterfest. Und vielleicht klingt ja bei dem einen oder anderen im Gebet der Vesper am Samstagabend etwas von dieser Stunde wieder.

Amen

C. Wode/Erzbistum Hamburg

Heute war im Rahmen der Chrisammesse auch Ministrantentag mit etwas mehr als 30 Minis, die in der Messe gedient und im Anschluss eine Rallye durch die Stadt gemacht haben. Thema: Hl. Ansgar.

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