Startseite > Erzbistum > Bistumsleitung > Predigt zur Eröffnung der Ansgarwoche
Startseite > Erzbistum > Bistumsleitung > Predigt zur Eröffnung der Ansgarwoche
Predigt

Predigt zur Eröffnung der Ansgarwoche

01. Februar 2026
St. Marien-Dom Hamburg

„Als Christ bist du nie allein unterwegs, sondern immer in Gemeinschaft und deswegen kommt es auf das Miteinander und auf das Verbindende an. Es geht bei der Synodalität um das Auf-Einander-Hören und darum, verschiedene Sichtweisen und Perspektiven zu berücksichtigen und sich zu ergänzen."

Erzbischof Dr. Stefan Heße

Es gilt das gesprochene Wort!

 

(1. Les.: Zef 2, 3; 3, 12-13; 2. Les.:  1 Kor 1, 26-31; Ev.: Mt 5, 1-12a)

„Geh hin und mit der Krone des Martyriums wirst du zu mir zurückkehren.“ Diese innere Eingebung war der Antrieb, die Motivation des Heiligen Ansgar, Apostel des Nordens, als er zu seiner Mission aufbrach. In diesem Jahr sind es genau 1200 Jahre seit seiner Ankunft in Dänemark.

Am vergangenen Wochenende durfte ich mit einigen Mitgliedern unseres Domkapitels in Kopenhagen zu Gast sein. Für die kleine katholische Ortskirche – von den etwas mehr als sechs Millionen Dänen sind gerade einmal 50.000 katholisch, also 0,9 Prozent- war es ein großes und wichtiges Fest. Als Nachbarn aus Deutschland hat man sich über unsere Anwesenheit sehr gefreut; wichtig war die Gegenwart des Kardinalstaatssekretärs Kardinal Parolin, der eigens aus Rom als Legat von Papst Leo zu diesem Jubiläum entsandt wurde. Mich bewegen immer noch die vielen Menschen, die zu diesem Fest gekommen waren, vor allem die vielen jungen, die sich für den christlichen Glauben interessieren. Es ist eine kleine, aber wachsende Kirche.

Ansgar ist für die dänischen Katholiken und auch dänischen Protestanten eine große Identifikationsfigur. Ihm verdanken sie den christlichen Glauben; sein Gedächtnis haben sie durch alle Höhen und Tiefen immer durchgehalten. Man könnte sagen: Ansgar ist der Kopf der dänischen Christen.

Dieser Mann, der zwischen 801 und 865 lebte, hat selbst seine Berufung als Christ, als Mönch, als Missionar und auch Bischof auf den Kopf zu erfahren. Gott liebt es nicht, allgemeine Botschaften über große Massen auszuschütten, gleichsam wie mit der Gießkanne. Im christlichen Glauben gibt es immer wieder die persönliche Begegnung und die Erfahrung einzelner, dass Gott ihnen etwas zutraut und auf den Kopf zu- oder ansagt.  „Geh hin, und mit der Krone des Martyriums wirst du zu mir zurückkehren.“  Ansgar hat diese persönliche Berufung erfahren und sein Leben danach ausgerichtet. Papst Nikolaus ernannte ihn zum Apostolischen Missionar und die große Reise konnte beginnen.

Ansgar war, das wissen wir, nicht allein unterwegs, sondern mit Gefährten. Darunter Rimbert – sein Biograph und späterer Nachfolger im Bischofsamt – und ebenso der neu getaufte König Harald Klak; gewiss waren es noch weitere Gefährten. Deswegen können wir sagen: Ansgar war der Kopf dieser kleinen Bewegung. Und doch werden sie auch die Köpfe zusammengesteckt, gemeinsam überlegt und aufgebrochen sein. Wir nennen das heute gerne mit dem Begriff synodal. Das bedeutet soviel wie: Als Christ bist du nie allein unterwegs, sondern immer in Gemeinschaft und deswegen kommt es auf das Miteinander und auf das Verbindende an. Es geht bei der Synodalität um das Auf-Einander-Hören und darum, verschiedene Sichtweisen und Perspektiven zu berücksichtigen und sich zu ergänzen.

Wenn wir noch einmal den Begriff des Kopfes aufgreifen, dann liegt dahinter auch die persönliche Verantwortung. Jeder einzelne trägt seine Verantwortung, die ihm kein anderer abnehmen kann. Doch Verantwortung macht Angst – niemand scheitert gerne. So wird Schuld und auch Verantwortung manches mal gerne abgegeben. Das Prinzip der Schuldübertragung von einem zum anderen, das biblisch bereits mit Adam und Eva begonnen hat, uns Menschen gleichsam ins Stammbuch geschrieben ist, greift nicht mehr. Die Schuld der Väter müssen nicht die Söhne austragen, wie es das Alte Testament sagt (Ex 34,7). Es geht auch nicht an, aus Angst vor Versagen und Scheitern, vor Schuld und Sünde, in Passivität zu verharren, einfach nichts zu tun, und sich sozusagen nicht die Hände schmutzig zu machen. Es geht nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. In jedem Leben gibt es das Scheitern und das Versagen, die Schuld. Übrigens auch im Leben der Heiligen. Es ist eine Illusion, einen Heiligen für einen Menschen ohne Fehl und Sünde zu halten. Im Gegenteil, wer sich seiner Verantwortung bewusst ist, wer seine Berufung leben möchte, der wird doch in Grenzen geraten, dem wird manches misslingen und er kann dennoch als Heiliger ein Vorbild und Fürsprecher für uns sein. Das bewahrt davor, anderen den Kopf leichtfertig zu waschen oder sogar abzureißen.

Menschen, die bereit sind, Ihren Kopf hinzuhalten für die Sache Gottes finden wir auch in unserer Zeit in der Kirche. Ein weiterer Kopf unserer Zeit, der eine ähnlich wichtige Mission erfüllte und dessen Nachfolger heute hier bei uns ist, ist der Selige Eduard Profittlich. 1931 wurde er von Papst Pius XI. zum apostolischen Administrator von Estland ernannt und 1936 zum Bischof geweiht. In dieser Funktion baute er die katholische Kirche im Land systematisch auf und betreute die verstreuten Gemeinden. Er gründete 1933 die religiöse Wochenzeitung Kiriku Elu, um den Glauben in der Gesellschaft sichtbar zu machen, und bemühte sich, die Kirche stärker an die estnische Sprache und Kultur anzupassen, unter anderem durch die Annahme der estnischen Staatsbürgerschaft. Unter seiner Leitung entstanden neue Pfarreien in Städten wie Narva, Pärnu, Rakvere, Petseri, Valga und Kiviõli. Profittlich setzte sich aktiv für die Verbreitung des Glaubens ein, entwickelte einen Pastoralplan, um die verstreuten Gemeinden besser zu begleiten – so stärkte er die Gemeinschaft der Katholiken. Nach der sowjetischen Besetzung Estlands 1940 blieb er trotz Gefahr bei seiner Gemeinde, obwohl er die Freiheit hatte, nach Deutschland zurückzukehren. Am 10. Februar 1941 schrieb er daher in einem Brief: „Da ich aus dem Telegramm den Wunsch des Hl. Vaters erkannte, daß ich hierbleiben solle, habe ich mich nun endgültig entschlossen, nicht nach Deutschland zurückzukehren. Ich tue das mit großer Bereitwilligkeit, ja ich kann wohl sagen, mit großer Freude. Wenn ich auch in keiner Weise voraussagen kann, wie nun mein Lebensweg verlaufen wird, welche Opfer noch auf mich warten, so gehe ich diesen Weg mit großem Vertrauen auf Gott, fest überzeugt, daß, wenn Gott mit mir gehen wird, ich nie allein sein werde.“ 

Er starb völlig entkräftet, bevor das längst gesprochene Todesurteil vollstreckt werden konnte, im Gefängnis am 22. Februar 1942. Im vergangenen September wurde er dann, als erster Seliger des noch jungen Bistums Tallinn (Gründung 2024) seliggesprochen.

Liebe Schwestern und Brüder, der Heilige Ansgar als Kopf der Mission nach Dänemark und überhaupt im Norden und Eduard Profittlich als Kopf der Kirche in Estland; zwei Erzbischöfe, zwei Missionare, zwei Menschen, die sich von Gott angesprochen gefühlt haben, die Ihre Verantwortung wahrgenommen und ernstgenommen haben bis zum Schluss, in Gemeinschaft mit anderen.

Weitere Predigten

powered by webEdition CMS