„Das Kind in der Krippe macht uns klar: Nicht Gewalt ist der Weg der Menschheit.“
Erzbischof Dr. Stefan Heße
Es gilt das gesprochene Wort!
Die Weihnachtszeit ist seit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils vor gut 60 Jahren sehr verkürzt worden. Das nimmt ihr nicht die Dynamik. Es ist eine überschaubare Zeit, in der ein Paukenschlag auf den nächsten folgt. Begonnen hat es mit der Geburt des Kindes im Stall. Zuerst waren es nur ein paar Hirten, die sich zu dem neugeborenen Kind und seinen Eltern dazugesellten. Der Evangelist Johannes vertieft seine Meditation über diese Geburt im Gedankenflug seines Prologs zu Beginn des Evangeliums: das Wort ist fleischgeworden, wie wir gerade am vergangenen Sonntag noch einmal hören durften. D. h. auf gut Deutsch: Gott ist Fleisch geworden. Gott begegnet uns in diesem Kind als Mensch.
Heute feiern wir „Erscheinung des Herrn“ – wieder ein neuer Paukenschlag. Wir bleiben nicht in der Beschaulichkeit der Krippe stehen. Sie wird mit der Erscheinung geöffnet und geweitet in die große und ganze weite Welt. Das Kind kommt nicht einfach so in einem hinteren Winkel dieser Erde zur Welt. Es wird Mensch für alle. Mit den drei Königen, besser: den drei Sterndeutern, stehen Menschen von Welt an der Krippe und bei dem Kind, von weit herkommend. Wir können sagen: in den Dreien steht die ganze Welt an der Krippe. Oder umgekehrt: das Kind erscheint, zeigt sich der ganzen Schöpfung. Eine weltumspannende Dimension!
Mir ist dieser Gedanke gerade in diesen Tagen sehr wichtig. Wir haben erlebt, wie die USA den bisherigen venezolanischen Präsidenten Maduro überwältigt und außer Landes gebracht hat, damit er sich in Amerika vor einem Gericht seiner Verantwortung stellen kann. Deutschland hat ihn aufgrund einer illegitimen Wahl bisher in seinem Amt nicht anerkannt. Dennoch stellen Juristen sehr deutlich infrage, dass diese Maßnahme völkerrechtlich legitim sei. Viele Menschen haben die große Sorge, was passiert, wenn diese Politik Schule macht, wenn dies nur ein Präzedenzfall für andere Situationen ist. Sind die Interessen wirklich hehr oder geht es um etwas ganz anderes, nämlich handfeste wirtschaftliche Ziele? Kann nach einem solchen Eingriff Stabilität im Land gewahrt bleiben? Ich kann nur wünschen, dass die Souveränität Venezuelas geachtet wird und dass das Wohl der Bevölkerung Vorrang vor allem anderen hat.
Das Kind in der Krippe macht uns klar: Nicht Gewalt ist der Weg der Menschheit. Sondern: „Selig, die Frieden stiften; selig, die barmherzig sind; selig, die der Gerechtigkeit den Weg ebnen.“ (vgl. Mt 5, 6-9) Diese Grundhaltung verkörpert das Kind und bietet es jedem Menschen auf dieser Erde an. Darin legt es Maßstäbe auch für die Gestaltung der Politik.
Wenn die Sterndeuter vor dem Kind niederknien und anbeten, dann wollen auch wir unser Gebet immer wieder weiten zu einem weltweiten Horizont. Manchmal sind unsere Fürbitten nichts anderes als Bitten für uns selbst. Es gibt die Gefahr, sich im Gebet nicht nur zu verlieren, sondern auch nur um sich selbst zu kreisen. Die aktuellen Geschehnisse in der Welt bieten genügend Inhaltsstoff für unser Fürbittengebet. Das Gebet, erst recht die Anbetung, führt zur Achtsamkeit vor dem Leben. Manchmal braucht man nur schlicht und einfach die Nachrichten in Gebetsanliegen umzuformulieren und Christus, dem Herrn der Welt, anzuvertrauen. Und oft sind die Nachrichten aus dem Weltgeschehen uns doch viel näher, als wir vermuten. Als die Nachrichten aus Venezuela kamen, erfuhren wir auch, dass aufgrund eines Brandanschlags in Berlin Zehntausende von Haushalten von Strom und Wärme abgekoppelt waren. Damit sind wir in unserem Land. Wie nah das sein kann, erfuhr ich am vergangenen Sonntag bei einem Besuch bei den Elisabethschwestern in Reinbek. Ihre Mitschwestern haben in diesem Teil Berlins eine Niederlassung und sind von dieser Störung betroffen: viele, zum Teil sehr betagte Schwestern, die jetzt in der Kälte sitzen – und manche von ihnen wohl noch bis Donnerstag. Nehmen wir also die Welt ins Gebet und legen wir alles in die Hände des Neugeborenen, der die Welt in seinen Händen hält.