Auf Einladung des Sonderbeauftragten für Flüchtlingsfragen und Vorsitzenden der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg), sind heute (5. Mai 2026) in Würzburg rund 150 Fachleute der kirchlichen Flüchtlingsarbeit zum zehnten Katholischen Flüchtlingsgipfel zusammengekommen.
„Auch unter schwierigen Bedingungen setzen wir uns für einen Flüchtlingsschutz ein, dessen Maßstab die Menschenwürde und die Menschenrechte sind!“, betonte Erzbischof Heße. Trotz vieler Schwierigkeiten und teils auch Anfeindungen engagieren sich weiterhin zahlreiche Menschen im Raum der Kirche für Schutzsuchende: Allein im Jahr 2025 konnten durch den Einsatz von über 5.000 Hauptamtlichen und 34.000 Ehrenamtlichen mindestens 443.000 Geflüchtete unterstützt werden. Der Sonderbeauftragte ermutigte die Engagierten, weiter mit vereinten Kräften die Menschenwürde Schutzsuchender zu verteidigen.
Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ – Ausgehend von Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte skizzierte Erzbischof Heße den universalen Anspruch der gleichen Würde eines jeden Menschen, der auch das Fundament des internationalen Flüchtlingsschutzes bildet. Für unzählige Menschen sei diese Rede von der gleichen Würde aber allenfalls ein noch nicht eingelöstes Versprechen – insbesondere für Menschen, die gezwungen seien, ihre Heimat zu verlassen: „Zwischen dem normativen Anspruch und der Realität klafft eine Lücke, die eher größer als kleiner wird“, so Erzbischof Heße. Sichtbar werde dies an aktuellen Entwicklungen: an der einseitigen Priorisierung nationaler Interessen, am deutlichen Rückgang internationaler Hilfsgelder, an Tendenzen zur Auslagerung von Verantwortung und an der bisweilen auch grundsätzlichen Infragestellung menschenrechtlicher Standards. Erzbischof Heße folgerte daraus: „Aus dem vielfach noch nicht eingelösten Versprechen der Menschenrechte ergibt sich für uns ein Auftrag: Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, in Frieden, Freiheit, Sicherheit und Würde zu leben. Jeder Mensch? Ja. Jeder Mensch. Es mag utopisch anmuten, doch für uns gilt: Die Menschenwürde ist universell – für alle Menschen, überall. Wenn andere Menschen ihrer Würde beraubt werden, darf uns das nicht kaltlassen.“
Wie es gelingen kann, die Würde eines jeden Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und für einen menschenwürdigen Umgang mit Geflüchteten einzustehen, wurde im Verlauf des Gipfels diskutiert. Prof. Dr. iur. Beate Rudolf (Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte) nahm den Zusammenhang von Menschenrechten und Flüchtlingsschutz in den Blick. Dabei ging sie auch auf Herausforderungen ein: „Der Umgang mit Geflüchteten ist eine Bewährungsprobe für den Staat: Denn er hat die Pflicht, die Menschenwürde zu schützen. Der zivilgesellschaftliche Einsatz für Geflüchtete ist daher auch ein Einsatz für die Grundlage unserer Verfassung.“ Dr. Ulrich Maidowski (Richter des Bundesverfassungsgerichts a. D.) vertrat die These, dass die demokratische Gesellschaft in Deutschland sich derzeit insgesamt in einem als kritisch zu bewertenden Wandlungsprozess befinde. Vor diesem Hintergrund unterstrich er: „Es ist wieder und gerade jetzt nötig, die fortgeltenden verbindlichen rechtlichen und ethischen Grundlagen des Umgangs mit Geflüchteten aktiv und öffentlich in Erinnerung zu rufen und danach zu handeln. Andernfalls droht eine fortschreitende Schwächung des demokratischen und rechtsstaatlichen Systems; unpopuläre Positionen zu verschweigen, stellt keinen Weg zu gesellschaftlichem Frieden dar, sondern stärkt die extremen Randpositionen.“ In mehreren Arbeitsgruppen wurden verschiedene Aspekte der aktuellen Flüchtlingspolitik vertieft und praktische Handlungsansätze ausgetauscht. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie die Rechte von Geflüchteten auch unter schwierigen Bedingungen durchgesetzt werden können.
Der Bischof von Würzburg, Dr. Franz Jung, begrüßte die Teilnehmer in Würzburg und betonte den Einsatz der kirchlichen Einrichtungen und Initiativen im Bistum, die sich in den zurückliegenden Jahren der Unterstützung Geflüchteter und Asylsuchender gewidmet haben. „Als Bischof liegt mir dieser Einsatz sehr am Herzen, zumal er weit über den Bereich professioneller Fachdienste hinausreicht. Vieles wird hier gerade durch das ehrenamtliche Engagement vieler Frauen und Männer ermöglicht. Im Sinne unseres Bistumsmottos ‚Christsein unter den Menschen‘ sehen wir uns als Kirche zudem in einem partnerschaftlichen Netzwerk mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren, der Politik und den Behörden.“
In einer Podiumsdiskussion stellte sich Erzbischof Heße gemeinsam mit dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann sowie einer Migrationsexpertin aktuellen Herausforderungen. Der Minister betonte, dass Bayern ein weltoffenes Land sei und sich zu seinen humanitären Verpflichtungen bekenne. „Das Asylrecht ist und bleibt ein zentraler Eckpfeiler unserer freiheitlichen Demokratie.“ Gleichzeitig müsse man aber klar unterscheiden zwischen denjenigen, die im Rahmen des Asylverfahrens einen Schutzstatus erhalten, und denjenigen, die nicht schutzbedürftig sind: „Wer als individuell politisch Verfolgter Schutz und Hilfe wirklich braucht, wird bei uns Humanität und Solidarität erfahren. Wer jedoch keinen Schutzanspruch hat, muss unser Land auch wieder verlassen. Diese Klarheit ist notwendig, um die Akzeptanz unseres Asylsystems zu erhalten und seine Funktionsfähigkeit zu sichern.“ Die hohe und vielfach ungesteuerte Zuwanderung habe dazu geführt, dass Bund, Länder und Kommunen bei der Aufnahme, Unterbringung und Integration an ihre Belastungsgrenzen geraten seien. Es sei daher wichtig, Migration zu ordnen, um die vorhandenen Kapazitäten gezielt für diejenigen einzusetzen, die tatsächlich schutzberechtigt sind. „Restriktive Maßnahmen und humanitäre Verantwortung sind deshalb keine Gegensätze, sondern bedingen einander“, so der Minister. Bayern unternehme viel für gelingende Integration, setze aber von jeher auf das Grundprinzip des Förderns und Forderns. Das bedeutet: „Wer zu uns kommt und bleiben darf, dem bieten wir umfangreiche Unterstützung zur Integration an, gleichzeitig erwarten wir von den Geflüchteten aber auch Integrationswillen und -bereitschaft.“ Die Migrationsfachanwältin Claire Deery übte Kritik an den aktuellen asylpolitischen Entwicklungen und ging auf die konkreten Folgen für Geflüchtete ein. Als Migrationsfachanwältin sehe sie, wie die Restriktionen zu längeren Verfahren und damit zu mehr Unsicherheiten sowie weiteren Hürden für die Schutzsuchenden führen. Statt mehr Klarheit zu schaffen, schwächten die Verschärfungen den Rechtsschutz. Zudem sieht die Fachanwältin „wachsende Risiken für die Wahrung grundlegender Menschenrechte. Fraglich bleibt, ob die Schutzbedürftigen wirklich erkannt und gesehen werden.“ Erzbischof Heße wiederum warnte bei der Podiumsdiskussion davor, die Anliegen geflüchteter Menschen zu diskreditieren: „In den flüchtlingspolitischen Debatten ist häufig von ‚irregulärer Migration‘ die Rede. Doch auf diese Weise wird ein falscher Eindruck erzeugt: Wer schutzsuchende Menschen in den Bereich des ‚Ungeordneten‘ rückt, schürt Ängste und trägt zur Polarisierung bei. Dem gilt es deutlich zu widersprechen: Wenn Menschen vor Krieg, Gewalt und Verfolgung fliehen, haben sie ein berechtigtes Schutzanliegen. Vom zehnten Katholischen Flüchtlingsgipfel geht das klare Signal aus: Die Kirche macht sich auch weiterhin für die Rechte schutzsuchender Menschen stark.“