Rosen liegen auf dem Boden, Grablichter flackern und Weihrauch steigt zum Himmel auf: Es ist ein bisschen wie in einer Kirche – nur ohne Kirche. Denn wir sind mitten im Watt. Hier war mal eine, die Kirche von Rungholt. Von ihr ist nichts mehr zu sehen. Aber die tonnenschweren Mauern des Gotteshauses haben eine Art Fußabdruck für alle Zeiten in den Wattboden gedrückt. Mit Hilfe modernster Technik und Holzpflöcken macht Archäologe Dr. Bente Sven Majchczack von der Universität Kiel die Kirche wieder sichtbar. Wir sind zwischen der Hallig Südfall und Pellworm, in der Schutzzone 1 des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, diesen Bereich darf man sonst nicht frei betreten. Hier soll einst Rungholt gelegen haben. Aber während einer Sturmflut 1362 brachen die Deiche, Dörfer wurden zerstört und tausende Nordfriesen verloren ihr Leben. Im Mai 2023 haben Forscher der Universitäten Kiel und Mainz, sowie vom Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA) und vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein (ALSH), (beide Schleswig) die Kirche im Wattboden wiederentdeckt. Drei Jahre später, fand am vergangenen Dienstag genau an dieser Stelle eine Trauerandacht für die Sturmopfer statt.
Für die Trauerfeier waren eigens Bruder Johannes und Bruder Elija aus dem Kloster Nütschau bei Bad Oldesloe gekommen. Mit Weihrauch umschritten die beiden Benediktiner den Umriss der Kirche. „Weihrauch ist ein Zeichen von Würde und wird immer eingesetzt, um etwas zu Ehren um etwas zu würdigen. Und somit wollen wir auch an die Verstorbenen dieser Naturkatastrophe erinnern, dass sie ihre Würde nie verloren haben, auch wenn schon lange keiner mehr an sie denkt, weil wahrscheinlich auch die Angehörigen mit ums Leben gekommen sind“, so Bruder Johannes. Während der Feier wurde gesungen und für die Opfer der Flutkatastrophe gebetet. Unter den Trauergästen war den neben den Forschern auch der schleswig-holsteinische Umweltminister Tobias Goldschmidt. Ihn berührte die Trauerfreier sichtlich. „Mich bewegt das Wattenmeer immer, aber als heute die Kirche sichtbar wurde ist und die Wissenschaftler und die Kirchenleute gesprochen haben, da hat sich das Bild einfach sehr gut zusammengefügt. Wir sind als Menschen Teil der Natur und das ist hier heute sehr sichtbar geworden: Wie wichtig es ist, dass wir gut mit der Natur umgehen müssen und dass wir auch Verantwortung füreinander tragen“, so der Umweltminister.
Die Idee für die Andacht kam aus dem Kreis der Forscher und war ihnen auch ein wichtiges Anliegen, so Dr. Bente Sven Majchczack vom Cluster of Excellence ROOTS / Institut für Geowissenschaften Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. „Als wir die Kirche fanden, war es so eine Idee: Irgendwann stehen wir hier und machen so eine Gedenkveranstaltung. Sonst finden wir hier irgendwelche Deichreste oder Warftreste, aber so eine Kirche hat einfach eine ganz andere Bedeutung und deswegen freue ich mich total, dass wir das hier heute gemacht haben“, so der Archäologe. Die Gedenkfeier haben die Forscher der Universitäten Kiel und Mainz, sowie vom Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA) und vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein (ALSH), (beide Schleswig) zusammen mit dem Erzbistum Hamburg organisiert.