Startseite > „Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben“
Startseite > „Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben“

„Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben“

Erzbischof Heße beendet Reise nach Mexiko und Texas

Veröffentlicht am: 28. August 2026
teilen

Elpers/ DBK

Der Vorsitzende der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz und Sonderbeauftragte für Flüchtlingsfragen, Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg), hat heute (28. August 2026) seine achttägige Solidaritätsreise nach Mexiko und Texas (USA) beendet. Im Fokus stand dabei die Lage von Geflüchteten und Migranten auf dem amerikanischen Kontinent: „Mexiko gilt als einer der wichtigsten Migrationskorridore der Welt. Während meiner Reise bin ich hier Menschen aus Haiti, Venezuela, Kuba und vielen weiteren Ländern begegnet. Einige von ihnen sind vor politischen Repressionen oder kriegsähnlichen Zuständen geflohen, andere wiederum mussten ihr Zuhause aufgrund wirtschaftlicher und sozialer Not verlassen. Die Strapazen der Migrationsrouten, die sie auf sich genommen haben, und die ungewissen Zukunftsaussichten lasten schwer auf ihnen. Und doch konnte ich spüren: Sie geben die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben nicht auf. Wie gut, dass es auf beiden Seiten der Grenze eine lebendige Kirche gibt, die diese Menschen auf ihren steinigen Wegen begleitet“, so Erzbischof Heße zum Abschluss seiner Reise.

In Mexiko-Stadt tauschte sich der Sonderbeauftragte mit der Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland, den Repräsentantinnen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) und des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sowie mit Vertretern der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft aus. Darüber hinaus gab es ein Treffen mit der für Migration zuständigen Regierungsbehörde (Instituto Nacional de Migración). In all diesen Gesprächen zeigte sich: Die Migrationsbewegungen in der Region sind überaus komplex. Während Mexiko lange Zeit insbesondere ein Herkunfts- und Transitland war, ist es in den vergangenen Jahren zunehmend zu einem Zielland von Migranten geworden. Eine beträchtliche Herausforderung stellt dabei der politische Druck dar, den Washington auf die mexikanische Regierung ausübt. Inzwischen schieben die USA sowohl Mexikaner als auch Angehörige anderer Staaten in das Grenzgebiet zwischen Mexiko und Guatemala ab. Damit verbindet sich das Ziel, die Grenzsicherung in den Süden zu verschieben. Erschwerend kommt hinzu, dass dringend benötigte Unterstützungsangebote für Geflüchtete und Migranten stark unter den teils drastischen Kürzungen internationaler Hilfsgelder leiden.

In Tapachula, rund 30 Kilometer von der Grenze zu Guatemala entfernt, erhielt Erzbischof Heße konkrete Einblicke in die Lage im Süden Mexikos. Einige Schutzsuchende warten hier weit über ein Jahr unter schwierigen Bedingungen auf eine Entscheidung der überlasteten Behörden; rund die Hälfte aller Asylanträge des Landes wird hier bearbeitet. Unterstützt werden die Schutzsuchenden vor Ort vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst, der rechtliche und psychologische Begleitung für die oftmals traumatisierten Menschen anbietet. Auch das Bistum Tapachula ist mit der Albergue Belén („Herberge Bethlehem“) in der Flüchtlingshilfe aktiv. Dort finden unter anderem von Abschiebung betroffene Menschen eine vorübergehende Bleibe. „Im Gedächtnis geblieben ist mir das Gespräch mit einem älteren Kubaner, der 46 Jahre in den USA gelebt und gearbeitet hat, bevor er von heute auf morgen nach Südmexiko abgeschoben wurde – in eine Region, die er nicht kennt und in der er kaum Chancen auf ein gutes Leben hat. Aus Mangel an Perspektiven schließen sich immer wieder Menschen den ‚Migrantenkarawanen‘ in Richtung Norden an – trotz aller Gefahren, denen sie sich damit aussetzen“, so Erzbischof Heße.

Zur vielschichtigen Gemengelage in Mexiko gehört die brutale Gewalt, die durch Banden der organisierten Kriminalität ausgeübt wird. So stellen die Drogenkartelle gerade für Migranten eine enorme Bedrohung dar: Entführungen, Erpressungen, Ausbeutung, Menschenhandel und gewaltsames Verschwindenlassen sind Teil des Alltags geworden. „Ein Gesprächspartner hat mir sogar gesagt: Es ist weniger gefährlich, zweimal die Wildnis des Darién-Dschungels zu überwinden als einmal Mexiko zu durchqueren. In Mexiko-Stadt habe ich eine Migrantin kennengelernt, die mehrfach Opfer von gewaltsamen Entführungen wurde. Trotz dieser leidvollen Erfahrung ist es ihr gelungen, wieder aufzustehen und ihr Leben in die Hand zu nehmen. Die Gewalt ist zur Geißel der mexikanischen Gesellschaft geworden. Initiativen, die auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit abzielen, sind jede Anstrengung wert“, betonte Erzbischof Heße.

In Gesprächen mit dem Apostolischen Nuntius in Mexiko, Erzbischof Joseph Spiteri, dem Erzbischof von Mexiko-Stadt, Kardinal Carlos Aguiar Retes, und weiteren kirchlichen Repräsentanten informierte sich der Sonderbeauftragte über die Rolle der katholischen Kirche in der Migrationsarbeit: „Ohne die Kirche wäre die Lage deutlich schwieriger. Sie ist mit ihren vielfältigen Diensten in Regionen präsent, in denen der Staat gegenüber den Kartellen fast schon kapituliert hat. Schätzungsweise 80 Prozent aller Unterkünfte für Geflüchtete und Migranten in Mexiko werden von der Kirche getragen. Dort finden sie nicht nur Schutz, sondern auch persönliche Wertschätzung und Begleitung. In der Herberge CAFEMIN in Mexiko-Stadt habe ich beispielsweise gesehen, wie die Josefs-Schwestern einen Ort der Sicherheit und des Respekts geschaffen haben. Beeindruckt hat mich auch die Arbeit der Scalabrini-Missionare in Iztapalapa, einem sozial benachteiligten Bezirk von Mexiko-Stadt. All ihre Dienste kommen sowohl Migranten als auch der lokalen Bevölkerung zugute. So gelingt es, Integration zu fördern und Ressentiments zu überwinden. Ich bin dankbar, dass ich hier ebenso wie an weiteren Orten zusammen mit Geflüchteten und Migranten bewegende Gottesdienste feiern konnte. Die Glaubenskraft der Menschen nehme ich im Herzen mit.“

Die letzte Station der Reise führte Erzbischof Heße ins Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA. Dort war er Gast von Bischof Mark Seitz (El Paso), der sich seit Jahren für die Anliegen von Migranten einsetzt. Sein Bistum im äußersten Südwesten von Texas ist in besonderer Weise von der Nähe zur Grenze sowie vom Zusammenleben zwischen spanisch- und englischsprachigen Katholiken geprägt. Erzbischof Heße konnte sich dort ein Bild von der Situation auf beiden Seiten des Grenzflusses Rio Grande machen: „Die Menschen hier vor Ort haben immer wieder unterstrichen: Ciudad Juárez und El Paso liegen nicht nur in Sichtweite voneinander, sondern verstehen sich auch als gemeinsamer Lebens- und Kulturraum – echte ‚sister cities‘. Lange Zeit war es problemlos möglich, dass Kinder auf der anderen Seite der Grenze zur Schule gehen. Doch mittlerweile haben die USA die Grenzbefestigung massiv ausgebaut: Nun werden beide Städte durch eine Mauer, einen Graben und Stacheldraht voneinander getrennt. Die Realität dieser nur noch schwer überwindbaren Grenze habe ich als sehr beklemmend wahrgenommen.“

Gemeinsam mit Bischof Seitz besuchte Erzbischof Heße in Ciudad Juárez das Jugendzentrum CASA, das jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund Möglichkeiten bietet, der Perspektivlosigkeit zu entkommen. „Berührt hat mich die Begegnung mit einem jungen Mann, der schon als Minderjähriger in die Fänge der organisierten Kriminalität geraten war. Zeitweise schleuste er Menschen über riskante Wege in die USA. Er erzählte mir, wie es ihm mithilfe seines Glaubens und der Kirche schließlich gelungen ist, sich aus den Klauen der Kriminalität zu befreien. Heute engagiert er sich selbst bei CASA in einem Projekt, das jungen Migranten hilft, in Mexiko Fuß zu fassen“, so Erzbischof Heße.

Das Bistum El Paso unterhält bereits seit 40 Jahren eine kostenlose Rechtsberatung für Migranten und Asylsuchende, die alljährlich Zehntausenden von Menschen zugutekommt. Hier sind außerdem Ordensschwestern aktiv, die von Abschiebung bedrohte Menschen zu den Gerichtsverhandlungen begleiten. „Die US-Regierung verfolgt derzeit den Ansatz, unter Migranten ein Gefühl der Angst zu verbreiten und sie durch einschneidende Einschränkungen in ihrem Alltagsleben regelrecht zu zermürben. Dazu gehört auch eine erschreckende Missachtung menschenrechtlicher und rechtsstaatlicher Standards – einschließlich der Strategie, Familien bewusst auseinanderzureißen. Umso wichtiger ist es, dass die Kirche sich weiterhin mit Entschiedenheit für die Rechte der Schutzsuchenden und Migranten einsetzt. Das konnte ich hier in El Paso hautnah erleben“, stellte Erzbischof Heße fest.

powered by webEdition CMS