Mit Besorgnis haben die Vertreter der großen Religionsgemeinschaften in Mecklenburg‑Vorpommern das Wahlergebnis aufgenommen. Das vorläufige Ergebnis legt nahe, dass trotz des Wahlsieges der AfD die Bildung einer Landesregierung durch andere Parteien möglich ist. Das Spektrum der demokratischen Parteien wird dadurch geschwächt, dass die AfD auch in Mecklenburg-Vorpommern stärkste Kraft geworden ist und eine etablierte Partei wie die CDU nicht mehr im Landtag vertreten sein wird. „Die Landtagswahl ist ein Appell an die Politik und alle gesellschaftlichen Institutionen, auch an uns Religionsgemeinschaften. Es kommt jetzt darauf an, die erkennbaren Sorgen und Nöte der Menschen wahrzunehmen“, so die Religionsvertreter. Vor der Landtagswahl hatten die Religionsgemeinschaften erstmals in der Geschichte des Landes Mecklenburg‑Vorpommern einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie deutlich machten, dass sie trotz unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse gemeinsam für die Würde aller Menschen und für eine friedliche Gesellschaft eintreten.
Der Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinden in Mecklenburg‑Vorpommern, Yuriy Kadnykov, erinnert an ein Gebet am Schabbat für das Vaterland: „Segne die, denen das Volk Autorität gegeben hat, mit Weisheit und Verstand, damit sie Frieden und Freiheit im Inneren und Äußeren erhalten und verfestigen.“ Nach der Landtagswahl erhielten diese Worte eine besondere Aktualität. „Mit dem Ende des Wahlkampfes beginnt eine andere, ebenso wichtige Aufgabe: aus politischen Unterschieden wieder gemeinsame Verantwortung für Mecklenburg‑Vorpommern entstehen zu lassen“, so Kadnykov.
Die Landesbischöfin der Evangelisch‑Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), Kristina Kühnbaum‑Schmidt, sagte am Wahlabend: „Eine demokratische Regierungsbildung in unserem Bundesland ist möglich – das ist ein wichtiges Zeichen für Menschenwürde, Menschenrechte und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zugleich ist die AfD stärkste Kraft geworden. Es muss die Politik und uns alle als Gesellschaft dringlicher denn je beschäftigen, wenn Wählerinnen und Wähler auf diese Weise Sorgen und Protest zum Ausdruck bringen. Als Kirche stehen wir weiterhin klar und entschieden für eine demokratische Kultur, die Minderheiten schützt und Nächstenliebe lebt. Mögen die politisch Verantwortlichen bald eine stabile Regierung bilden, die dem Miteinander der Menschen dient und unterschiedliche Interessen verbindet. Gottes Segen stärke uns alle darin, einander zum Segen zu werden.“
Der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Evangelisch‑Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), Tilman Jeremias, sagte: „Viele Menschen haben aus Hoffnung, Sorge oder Protest gewählt. Die AfD ist stärkste Kraft, doch eine demokratische Mehrheit eröffnet Perspektiven für stabile Führung. Für Mecklenburg‑Vorpommern ist jetzt wichtig, Brücken zu bauen und Vertrauen zu stärken. Politische Unsicherheit bewegt viele Menschen in unserer Region. Die Möglichkeit einer demokratischen Mehrheit ist ein wichtiges Signal: Sie eröffnet Chancen, Verantwortung zu übernehmen und Orientierung zu geben. Ich wünsche mir, dass aus dieser schwierigen Konstellation neuer Mut entsteht, miteinander zu sprechen und Zukunft zu gestalten – für ein Mecklenburg‑Vorpommern, das Halt gibt und Zuversicht stärkt.“
Für das Erzbistum Hamburg, zu dem die Katholiken in Mecklenburg gehören, sagt Erzbischof Dr. Stefan Heße nach dem Wahlausgang: „Es kommt jetzt darauf an, eine gute Koalition zu bilden und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Der Wahlkampf ist vorbei. Nun sollten möglichst viele konkrete Projekte zum Wohle aller umgesetzt werden. Als Christen vertrauen wir darauf, dass jeder Mensch ein Geschenk Gottes ist und seine eigene unverlierbare Würde hat. Deshalb setzen wir uns weiterhin für Menschenwürde und einen guten Umgang mit Minderheiten ein. Als Kirche haben wir die Orte und die Aufgabe, Räume für Begegnung und Verständigung zu öffnen. Das machen wir gerne mit Herz und Haltung für Demokratie und Nächstenliebe.“
Die Katholiken in Vorpommern gehören zum Erzbistum Berlin. Der Erzbischof von Berlin, Dr. Heiner Koch, sagt: „Wichtig ist, dass wir den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken, nicht die Gräben vertiefen. Unsere demokratische Gesellschaft lebt davon, dass wir aufeinander zugehen, füreinander Verantwortung übernehmen und miteinander Lösungen suchen.“
Der Vorsitzende des Dachverbandes Muslimischer Gemeinden in Mecklenburg‑Vorpommern in Gründung, Dr. Maher Fakhouri, erklärt: „Als Muslim ist es mein fester Glaube, dass Gott jedem Menschen eine unantastbare Würde verliehen hat, die wir gemeinsam schützen müssen. Das Wahlergebnis fordert uns alle heraus, noch entschiedener für den Zusammenhalt, die Religionsfreiheit und den Schutz aller Minderheiten einzustehen. Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, dass unser Mecklenburg‑Vorpommern ein friedliches und weltoffenes Zuhause für alle bleibt.“