Blogbeitrag zum Vortrag von Prof. Dr. Martin Belz, Juniorprofessor für Kirchen- und Christentumsgeschichte, Universität Osnabrück im Rahmen des Projekts „Sendung und Sammlung“ des Erzbistums Hamburg am Dienstag, 14. Januar 2025
von Martin Belz
Pfarreien und Gemeinden verändern sich – in der Gegenwart wie in der Vergangenheit
Wie veränderten sich Pfarreien und Gemeinden in der Vergangenheit – und welche Bezüge besitzen diese Entwicklungen für die kirchliche Gegenwart? Diesen Fragen widmete sich der Vortrag von Prof. Dr. Martin Belz von der Universität Osnabrück im Rahmen des Projekts „Sendung und Sammlung“ des Erzbistums Hamburg am Dienstag, 14. Januar 2025. Vor dem Hintergrund aktueller Transformationsprozesse auf pfarrei- und gemeindekirchlicher Ebene nahm der Referent dabei eine historische Einordnung verschiedener Konzepte lokalkirchlicher Vergemeinschaftung im 20. Jahrhundert vor.
Anhand von Beispielen aus seinen eigenen Forschungen vorwiegend zum Bistum Limburg und zur Stadtkirche von Frankfurt am Main ging Martin Belz folgenden Fragen nach: Welche Kirchenbilder wurden am konkreten Kirchort jeweils rezipiert? Welche Ausgestaltungen erfuhren diese Bilder in den Feldern der Pastoral und Laienpartizipation, der Liturgie und Katechese sowie im Verhältnis zu Gesellschaft und anderen Konfessionen? Und welche Angebote an Sinnstiftung und Identitätsbildung beinhalteten sie?
Vom Verein zur Pfarrei – Entwicklungen vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts
Im historischen Längsschnitt stellte der Vortrag in einem ersten Teil den Wandel von Pfarreikonzepten vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ins Zentrum: Dabei zeigte der Referent auf, dass die prägende Sozialform katholischen Lebens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts überwiegend im Verein und nicht in der Pfarrei bestand. Die Vereine trugen dabei einerseits zur gesellschaftlichen Laienmobilisierung bei und förderten andererseits vielerorts den Selbstabschluss in eine katholische Subkultur („katholisches Milieu“). Erst in den 1920er-Jahren folgte theologisch eine Abkehr von dem bis dahin prägenden kirchenrechtlichen Verständnis der Pfarrei, die seitdem als „Kirche im Kleinen“ verstanden wurde. Einher ging diese Entwicklung mit der Rezeption von Liturgischer Bewegung, Jugendbewegung und Katholischer Aktion (Apostolat der Laien).
Diese Entwicklung setzte sich nach 1945 fort, wobei in der Nachkriegszeit das Bild der „Pfarrfamilie“ die Pfarreien prägte. Dabei erfolgte ab der Mitte der 1950er-Jahre ein Aufbrechen der festen, nach Alter und Geschlecht getrennten Pfarrei-internen Gruppen in der Pfarrpastoral durch neue, geschlechtergemischte Interessengruppen. Seelsorge und Pfarreileben erfuhren dadurch eine Pluralisierung, Öffnung und Diversifikation. Mit diesen Entwicklungen setzte zudem eine Verschiebung und Neuumschreibung der tradierten Rollen, Werte und Normen für Katholikinnen und Katholiken ein, in deren Zusammenhang auch ein Rückgang von Kirchlichkeit, beispielsweise beim sonntäglichen Gottesdienstbesuch, zu konstatieren ist. In der Folge bedeuteten diese Entwicklungen spätestens ab 1960 eine Erosion und schließlich das Ende der bisherigen katholischen Lebenswelt beziehungsweise des „katholischen Milieus“. Das ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einem Verschwinden von Kirche und lokalen Kirchorten insgesamt aus der Lebenswelt der Gläubigen.
Nach dem Konzil: Von der Pfarrfamilie zur Gemeinde
Ab der Mitte der 1960er-Jahre kam es sodann zu einem weiteren Transformationsprozess an den lokalen Kirchorten, wie Martin Belz im zweiten Teil seines Vortrags hervorhob: Anstelle eines Verschwindens von Kirche, Glauben und Religiosität setzte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) vielmehr ein neues ökumenisches Verständnis von Gemeinde ein: Dabei löste das Narrativ der „Gemeinde“ die Konzepte der bisherigen „Pfarrei“ beziehungsweise der „Pfarrfamilie“ ab. Zugleich zielte das Gemeindekonzept noch stärker als die vorherigen Modelle auf kleine Gruppen und den intensiven persönlichen Austausch der Gläubigen sowie die verstärkte Glaubensweitergabe und die christliche Bewährung im Alltag.
Insgesamt zeigt sich an den genannten Entwicklungen die stetige Transformation lokaler Konzeptionen von Kirche. Was eine Pfarrei oder eine Gemeinde also sein sollte, musste immer wieder neu bestimmt werden. Mit den verschiedenen Konzepten lokaler kirchlicher Selbstverortung ging stets ein Wandel im Verhältnis der Kirche zur Welt und zu den anderen Konfessionen sowie in der Partizipation der Laien und der Gestaltung von Liturgie einher.
Pfarreien und Gemeinden als plurale Orte kirchlichen Lebens
In seinem Fazit stellte der Referent heraus, dass sich Pfarreien und Gemeinden oft als pluraler und diverser als gemeinhin angenommen erwiesen. Dabei boten lokale Kirchorte den Gläubigen in je unterschiedlicher Weise und mit je unterschiedlicher Intensität, Ansprüchen und Binnenkräften prägende Räume religiöser Sozialisation.
In den disruptiven Umbruchsprozessen nach 1945 sowie nach 1965 erlebten Katholikinnen und Katholiken am lokalen Kirchort aber auch Erosionen und Friktionen tradierter konfessioneller Identitäten, die daraufhin mithilfe neuer Narrative umgedeutet wurden. So erweisen sich die lokalen Kirchorte zugleich als ein Spiegel gesamtkirchlicher Transformationsprozesse. Aktuelle Umbrüche an den lokalen Kirchorten nehmen diese langfristigen Entwicklungen auf und führen sie weiter.
Zur Person
Prof. Dr. Martin Belz hat seit 2023 die Juniorprofessur für Kirchen- und Christentumsgeschichte an der Universität Osnabrück inne. Nach dem Studium der Katholischen Theologie und Latinistik promovierte er in Münster im Fach Mittlere und Neuere Kirchengeschichte, absolvierte das Referendariat für Gymnasien in Frankfurt am Main und war als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mainzer Kirchengeschichte tätig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Ordens- und Bildungsgeschichte der Frühen Neuzeit, die Geschichte und Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils, die ortskirchlichen Transformationsprozesse im 20. Jahrhundert sowie die Geschichte der Diözesen Limburg, Mainz und Osnabrück.
Literaturhinweise (Auswahl)
Belz, Martin, Pfarreien im Wandel. Pastoralkonzepte, Laienpartizipation und Liturgiereform in Frankfurt am Main 1945–1971 (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte. Reihe B 142), Paderborn u. a. 2022.
Belz, Martin, Pfarreien und Gemeinden in historischen Transformationsprozessen. Eine Betrachtung der PEP-Voten des Bistums Essen aus kirchengeschichtlicher Perspektive, in: Markus Etscheid-Stams u. a. (Hrsg.), Gesucht: Die Pfarrei der Zukunft. Der kreative Prozess im Bistum Essen, Freiburg / Basel / Wien 2020, S. 284–298.
Bucher, Rainer, Die Pfarrgemeinde von morgen. Skizzen zu ihrer Zukunft aus deutscher Perspektive, in: Gemeinde unter Druck – Suchbewegungen im weltkirchlichen Vergleich: Deutschland und die USA / Parish under Pressure – Quests for Meaning from a Global Perspective: Germany and the USA in Comparison, hg. von Andreas Henkelmann und Matthias Sellmann, Münster 2012, S. 145–174.
Damberg, Wilhelm / Henkelmann, Andreas, Von der Pfarrei zur Gemeinde? Entwicklungslinien lokaler Vergemeinschaftung im 20. Jahrhundert aus theologie- und kulturgeschichtlicher Perspektive, in: Gemeinde unter Druck – Suchbewegungen im weltkirchlichen Vergleich: Deutschland und die USA / Parish under Pressure – Quests for Meaning from a Global Perspective: Germany and the USA in Comparison, hg. von Andreas Henkelmann und Matthias Sellmann, Münster 2012, S. 49–81.
Feiter, Reinhard, Von der Pfarrei zur Pfarrgemeinde zum „größeren pastoralen Raum“. Pastoraltheologische Überlegungen zur Zukunft der Pfarrei in der Stadt, in: Die Pfarre in der Stadt. Siedlungskern – Bürgerkirche – Urbanes Zentrum, hg. von Werner Freitag (= Städteforschung. Veröffentlichungen des Instituts für vergleichende Städtegeschichte in Münster, Reihe A, Bd. 82), Köln/Weimar/Wien 2011, S. 245–263.