Während andere über den Mangel an Kerosin klagen und nicht genau wissen, wie oft sie noch abheben können, wissen wir um diese Kraft Gottes, um seinen Heiligen Geist, der uns Auftrieb verleiht.
Erzbischof Dr. Stefan Heße
Es gilt das gesprochene Wort!
Liebe Schwestern, liebe Brüder,
wenn wir durch unsere Städte gehen, dann ist sie oft kein gern gesehener Gast: die Taube. Sie bettelt um Brotkrumen, wirkt manchmal gehetzt oder einfach nur grau. Es ist nicht gerade ein Kompliment, wenn sie als „Ratte der Lüfte“ tituliert wird. Und genau dieses Tier spielt am Pfingstfest eine so große Rolle. Gott wählt offenbar genau dieses Tier und nicht etwa den majestätischen Adler. Die Taube ist geradezu das Symbol des Heiligen Geistes schlechthin.
Bereits seit Kindertagen ist uns allen die Taube in der Geschichte von der Sintflut vertraut: als der Wasserspiegel endlich sank, hatte die Taube einen grünen Zweig in ihrem Schnabel. Das Symbol des Friedens! Wenn wir die täglichen Nachrichten hören und mitbekommen, dass die Welt in Flammen steht, sehnen wir uns nach der Botschaft des Friedens. Dass endlich der Gewaltspiegel in der ganzen Welt sinkt und sich das kleine Pflänzchen des Friedens Schritt für Schritt ausbreitet. Vor einigen Jahren hatten Schülerinnen und Schüler in unserer Nachbarkirche im Kleinen Michel hier in Hamburg weiße Tauben gebastelt, die dann über der Gemeinde im Kirchenschiff schwebten. Auch wir Christen brauchen diese Botschaft des Friedens und sollen selbst Botschafter dieses Friedens sein.
Einer meiner Onkel züchtete Tauben. Er ging mit ihnen regelmäßig auf Wettkämpfe; sie mussten in schneller Zeit bestimmte Strecken fliegen. Was mich damals als kleiner Junge fasziniert hatte, war die Orientierungsfähigkeit der Tauben. Sie steigen auf, drehen ein paar kleine Runden und finden dann den Weg zu ihrem Ziel. Sie sind in der Lage, ein konkretes Ziel in sehr weiter Ferne zu erreichen. Die Taube hat offenbar einen inneren Kompass und findet deswegen ihren Weg und ihr Ziel. Pfingsten befähigt uns Christen, unseren Kompass zu nutzen. Der Heilige Geist ist dieser Kompass, der uns den Weg und das Ziel unseres Lebens zeigt. Deswegen ist es so wichtig diesen Kompass nicht nur zu haben, sondern ihn auch bewusst zu nutzen, ihn zu aktivieren und im Leben zu gebrauchen. Die Pfingstsequenz und viele Pfingstlieder sprechen von dieser Kompassfunktion: „nun beten wir den Heiligen Geist um den rechten Glauben allermeist“; „halt uns, wo wir halt los gehen, rate, wo wir ratlos stehen, spricht du, wo wir sprachlos flehn“; „entzünd in uns des Lichtes Schein, senk Liebe in die Herzen ein, stärk unsres Leibs Gebrechlichkeit mit deiner Kraft zu jeder Zeit“; „die Macht des Bösen banne weit, schenkt deinen Frieden allezeit. Erhalte uns auf rechter Bahn, dass Unheil uns nicht schaden kann“.
Wenn morgen, wie man hört, Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika veröffentlicht, dann soll es um aktuelle Fragen wie Künstliche Intelligenz gehen und dann dürfen wir hoffen, dass auch durch solche Verkündigungselemente der Heilige Geist wirkt und uns in den Herausforderungen unseres Lebens, die ja immer komplexer werden, Orientierung gibt, wie ein Kompass, mit dem wir nicht an den Herausforderungen vorbeigehen, sondern den Weg durch sie hindurch finden.
Und schließlich: die Tauben können Grenzen überwinden, sie stehen für Weite, für Lebendigkeit und Schnelligkeit. Gerade dann, wenn wir müde und erschöpft sind, braucht es neuen Schwung. Das Symbol der Taube will uns Flügel verleihen, es will uns beschwingen, es will uns neue Flughöhe geben. Während andere über den Mangel an Kerosin klagen und nicht genau wissen, wie oft sie noch abheben können, wissen wir um diese Kraft Gottes, um seinen Heiligen Geist, der uns Auftrieb verleiht.
Ein unbekannter geistlicher Autor des Altertums schreibt: „Als Gott Adam erschuf, gab er ihm keinen materiellen Flügel, wie den Vögeln, aber er bereitete ihm die Flügel des Heiligen Geistes, um ihn zu erheben und ihn dort ruhen zu lassen, wo es dem Geist gefällt… Bitten wir Gott, dass er uns die Flügel der Taube gebe, die der Heilige Geist ist, um davon zu fliegen und Ruhe zu finden bei ihm“.