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Plädoyer für Wärmestuben
Bildquelle: Neue Kirchenzeitung / Matthias Schatz

Erzbischof Heße sprach beim Hilfsverein St. Ansgar

Erzbischof Stefan Heße bittet die Pfarreien, sich um Menschen zu kümmern, die sich die hohen Energiekosten nicht leisten können. Vor dem Freundeskreis des Hilfsvereins St. Ansgar berichtete er zudem von seiner Ukrainereise.

Erzbischof Stefan Heße hat den Pfarreien „ans Herz gelegt", Wärmestuben einzurichten. „Ich denke, dass da was auf uns zukommt, und zwar nicht nur, was Flüchtlinge und Obdachlose anbelangt, sondern auch andere Menschen, die sich die Energiekosten nicht mehr leisten können." Die Pfarreien müssten vor Ort überlegen, was sie leisten könnten und was nicht, ergänzte der Erzbischof. Heße äußerte sich am Samstag, 30. Oktober bei einem Vortrag vor dem Freundeskreis des Hilfsvereins St. Ansgar im Haus der kirchlichen Dienste am St. Marien-Dom. Der Freundeskreis unterstützt den Hilfsverein, der Träger der Alimaus ist, einer Tagesstätte für obdachlose und bedürftige Menschen am Nobistor im Stadtteil Altona.

„Wärme ist nicht nur eine Sache der Körpertemperatur", betonte Heße. „Wir müssen sehen, dass die Gesellschaft nicht einfriert." Der Winter werde zeigen, ob wir als Gesellschaft zusammenhielten. Er hoffe, dass Menschen dafür auch Abstriche machten. „Das ist auch eine Frage der Pastoral und der Seelsorge."

In seinem Vortrag ging der Erzbischof weiter auf seine Reise in die Ukraine ein, auf die er sich Anfang Juli begeben hatte. Es sei das erste Mal gewesen, dass er ein Land besucht habe, das sich im Krieg befinde. Ihm sei dabei „schon mulmig" gewesen. Heße, der auch Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen der Deutschen Bischofskonferenz ist, wollte sich dabei insbesondere einen Eindruck von den Migrationsbewegungen im Grenzgebiet von Ukraine und Polen machen. Entsprechend besuchte er dabei auch Einrichtungen der verschiedenen Caritas-Verbände. Vor Ort sind unter anderem die Verbände der römisch-katholischen Kirchen aus Deutschland und Polen tätig als auch die der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine. „Die Rolle der Kirche darf man nicht unterschätzen", betonte Heße. „Die Ukrainer sind ein gläubiges Volk. Die Kirche ist erster Anlaufpunkt." Die Religion gebe ihnen Halt und Orientierung.

Nach Heßes Informationen haben fast zehn Millionen Ukrainer, vor allem Frauen und Kinder, das Land wegen des Krieges verlassen. Vier Millionen davon seien nach Polen geflüchtet, rund eine Million nach Deutschland.

„Von ‚Asyltourismus' zu reden, ist Unsinn"

Während sie hierzulande oft in speziellen Unterkünften untergebracht würden und man sich um die gesellschaftliche Integration kümmere, kämen sie in Polen ausschließlich bei Privatleuten unter. „Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung in Polen ist groß", berichtete Heße, dennoch frage er sich: „Wie lange halten die das durch?" Außerdem kümmere sich der Staat dort nicht weiter um die Geflüchteten. Die Frage nach Integration werde gar nicht gestellt. Heße: „Ich halte die Situation für sehr fragil."

Unter anderem besuchte Heße auch Lemberg, das eine Viertelmillion Binnenflüchtlinge aufgenommen hat. „Die Ukraine steht vor einem riesigen Problem, diese Binnenflüchtlinge zu versorgen." Oft hätten ihre Unterkünfte weder eine Heizung noch fließend Wasser. „Wenn es hier im Winter ein wenig kälter wird, ist das eine Spielerei im Vergleich zu dem, was die Menschen dort durchmachen", sagte Heße weiter, der in Lemberg auch erstmals einen Luftalarm erlebte. Unter den Geflüchteten seien auch viele minderjährige Kinder ohne Begleitung. Zugleich gebe es Menschenhandel und Prostitution. Schwierig sei auch die Lage der Menschen, die aus der Ukraine geflohen seien, aber aus anderen Ländern, vor allem aus Staaten Afrikas, stammten. Er habe Bundeskanzler Olaf Scholz darum gebeten, dass diese Geflüchteten aus Drittstaaten den gleichen Status erhielten wie Ukrainer.

Erzbischof Heße meinte überdies, dass allgemein Migration, Flucht und Vertreibung „Kennzeichen unserer Zeit" seien und es auch bleiben würden. „Es ist Unsinn, von ‚Asyltourismus' zu reden", sagte Heße. Menschen flöhen, weil Krieg sei, weil sie für sich und ihre Kinder in der Heimat keine Zukunft sähen. Dabei ließen sie viel zurück: Freunde und Besitz. „Das ist kein Ausflug. Dabei geht es ums Überleben." Was die Seenotretter in diesem Zusammenhang auf sich nähmen, sei „schon Gold wert". Papst Franziskus habe recht, wenn er das Mittelmeer als größten Friedhof der Welt bezeichne.

Text: Matthias Schatz / Neue Kirchenzeitung 

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