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"Ein Zeichen der Zeit"
Bildquelle: Erzbistum Hamburg / Giuliani/von Giese co-o-peration

Erzbischof Heße im Gespräch mit der Kirchenzeitung

Pfarreien, an deren Spitze nicht ein Pfarrer, sondern vielleicht ein Team von Laien steht. Das Erzbistum reagiert gerade auf eine Notsituation. Aber Erzbischof Stefan Heße sieht in der Not auch die Chance zum Wandel in der Kirche.

Priestermangel beschäftigt uns seit Langem. Zum ersten Mal kann jetzt eine Pfarrei, St. Lukas in Neubrandenburg, nicht mit einem Pfarrer besetzt werden. In Hamburg-Blankenese ist es ähnlich. Wie ernst ist die Lage?

Ja, wir sprechen vom Priestermangel. In der gegenwärtigen Situation müssten wir aber besser vom Pfarrermangel sprechen. Priester sind in unserer Kirche unverzichtbar. Im Moment haben wir noch genügend Priester, die als Pastoren und Kapläne eingesetzt werden, und – Gott sei Dank – auch noch genügend Pastoral- und Gemeindereferentinnen im seelsorglichen Dienst. Anders ist es bei den Pfarrern, also den Priestern, die eine Pfarrei leiten möchten und ein Charisma zur Leitung großer Pfarreien haben. Da kommen wir an unsere Grenzen.

Dabei ist die Zahl der Pfarreien ja schon stark reduziert worden...

Wir haben uns für 28 Pastorale Räume entschieden. Ich habe nicht vor, diese Räume zu vergrößern und darüber hinaus weitere Pfarreien bzw. Räume zusammenzulegen. Aber: Wir kommen an die Grenze, diese 28 Räume mit einem Pfarrer zu besetzen.

Wie kam es so schnell zu dieser Situation? Sie ist ja in den bisherigen Konzepten nicht vorgesehen.

Wir hatten schon vor einiger Zeit in der Dienstkonferenz der Pfarrer und im Priesterrat erste Überlegungen dazu angestellt. Eine Arbeitsgruppe im Personalreferat hat daran weitergearbeitet. Wir haben in der Tat an zwei Stellen eine Notsituation; dort, wo Pfarrer, die für eine Stelle vorgesehen waren, sie nicht antreten. Das hat das Ganze sehr beschleunigt. Wir müssen jetzt nach Lösungen suchen.

Werden das vorübergehende Notlösungen sein oder mehr?

Der Anlass ist sicher die aktuelle Situation – so ehrlich muss ich sein. Sie ist vielleicht aber auch ein Zeichen der Zeit, ein Wink Gottes. In der aktuellen Situation wird deutlich, dass alle Verantwortung für unsere Kirche haben. Laien und Priester, Haupt- und Ehrenamtliche, wir alle müssen unseren Beitrag leisten. Was jetzt ansteht, setzt fort, was wir in den Pastoralen Räumen entwickelt haben. In den Gemeindeteams, Kirchenvorständen und Pastoralräten gibt es ja schon Verantwortlichkeit für Pfarrei und Gemeinde. Jetzt müssen wir schauen: Wie können wir Leitung verantwortlich regeln in den Pfarreien, wo wir im Moment – und vermutlich auf Dauer – keinen Pfarrer haben?

Worum geht es, wenn wir von Pfarreileitung sprechen? Bisher war der Pfarrer für vieles zuständig. Wer etwas wollte, Raum, Schlüssel, Zettel im Aushang, musste den Pfarrer fragen.

Ob das so sein musste, war ja schon lange die Frage. Die künftigen Leitungsaufgaben wird man klären müssen. Wer verantwortet was? Für mich ist das wichtigste Thema dabei die Ausrichtung der pastoralen Arbeit. Wo gehen wir hin als Pfarrei, als Gemeinden? Was sind unsere Kontakte? Wie sind wir Kirche in Beziehung? Und das kann nie nur einer machen. Da sind alle auch jetzt schon gefordert.

Leitung einer Pfarrei, aber nicht durch einen Pfarrer. Das ist zumindest für unser Bistum etwas Neues. Geht das überhaupt?

Für uns ist es in der Tat neu. Aber weltweit ist es das nicht. Weltweit gibt es viele Pfarreien, die nicht durch einen Pfarrer geleitet werden. Selbst in Deutschland existieren mehrere Modelle in unterschiedlichen Diözesen, zum Beispiel Magdeburg, Osnabrück oder München. Kirchenrechtlich gibt es dazu eine Möglichkeit, die der Kanon 517, Paragraph 2 des kanonischen Rechts eröffnet. Gläubige können an der Leitung beteiligt werden.

Haben Sie schon Vorstellungen für eine eigene Lösung?

Ich glaube, dass wir grundsätzliche Überlegungen als Rahmen brauchen; dass wir aber auch vor Ort jeweils schauen müssen, wie dieser Rahmen dort passt. Deshalb brauchen wir Lösungsmodelle in enger Kommunikation mit den Verantwortungsträgern vor Ort. Wie es dann konkret geht, muss man sehen. Ich kann mir vorstellen, dass die Leitungsaufgaben von einem kleinen Team wahrgenommen werden. Man muss überlegen, wer in dieses Team hineingehört, wie oft es sich trifft, welche Kompetenzen es hat, wie lange es im Amt ist; ob es von Haupt- und Ehrenamtlichen besetzt wird oder ob es ein rein ehrenamtliches Team ist. Wie ist es mit der Funktion des Dienstvorgesetzten? Ich meine, dass wir gleichzeitig das Modell der Verwaltungskoordination und -entlastung weiter voranbringen müssen.

Es gibt auch Bistümer, in denen Diakone Leitungsfunktionen übernehmen, in der Schweiz zum Beispiel.

Nach Kanon 517,2 kann der Bischof in einer Notsituation einen Diakon, eine andere Person oder eine Gruppe von Personen mit Verantwortung beauftragen. Es wäre also auch möglich. Im Moment halte ich es eher für sinnvoll, dass die Leitung von einer Gruppe wahrgenommen wird. Ich habe sonst die Sorge, dass wir das Problem des Pfarrermangels nur auf andere Berufsgruppen – und damit auf die nähere Zukunft – verschieben.

Braucht eine Pfarrei nicht auch eine Person, eine Autorität sozusagen, der man vertraut, die geistliche Leitungseigenschaften hat und die Gemeinde zusammenhält?

Es gibt ja nach wie vor hauptamtliche Seelsorger: Pastoren, Gemeinde- und Pastoralreferentinnen. Es sind Gesichter da, Personen, an die sich jeder wenden kann. Es muss Erreichbarkeit da sein und Verlässlichkeit. Das soll bleiben. Vielleicht wird das sogar verbessert, wenn Priester nicht zugleich Verwaltungsleiter sind. Denn eben nur beim Thema Leitung, da werden wir neue Wege gehen, etwas Neues machen. Was wir früher hatten, eine Pfarrei – ein Pfarrer, das ist zwar in unseren Köpfen drin. Es war zweifellos auch gut. Aber es ist im Moment nicht überall gangbar.

Veränderungen sind ja oft gar nicht so schlimm. Sehen Sie auch Chancen in dem neuen Weg?

Das meine ich mit dem Wink Gottes. Vielleicht lehrt uns erst die Not, den Reichtum zu entdecken, den wir haben. Da entdecken wir, dass die Kirche von ganz vielen Menschen lebt. Und vielleicht ist es auch ein guter Weg, den uns diese kirchengeschichtliche Situation bahnt. Viele Menschen und auch wir Bischöfe sagen: Es braucht einen anderen Umgang mit Führung, Leitung und Macht in unserer Kirche. Und jetzt können wir schauen, ob wir in der Lage sind, diesen anderen Weg zu gehen.

Wie geht es konkret in Neubrandenburg und Blankenese weiter?

Wir werden auf Bistumsebene an möglichen Szenarien arbeiten und auch im Diözesanpastoralrat darüber diskutieren. Gleichzeitig gibt es Gespräche mit den Verantwortlichen vor Ort. Am Ende brauchen wir eine Lösung, die passgenau auf die Anforderungen der jeweiligen Pfarrei zugeschnitten ist.

Interview: Andreas Hüser/Neue KirchenZeitung