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Atemholen in Pandemiezeiten

Corona-Gottesdienst am Kieler Bootshafen

Atemholen in Pandemiezeiten: Am Kieler Bootshafen haben am Freitagabend rund 60 Gottesdienstbesucher an Menschen gedacht, die von Corona und seinen Folgen schwer gebeutelt sind.

Pröpstin Almut Witt vom Ev.-Luth. Kirchenkreis Altholstein begrüßte die Besucher, Baptistenpastor Helge Frey stellte vier „Gesichter der Pandemie" vor. Diese sprachen stellvertretend für viele andere Branchen und Menschen von schweren Zeiten, aber auch von Hoffnungsmomenten ihres letzten Jahres:

An den Anruf aus dem Pflegeheim ihres Ehemannes erinnerte sich Verena Schattke. Ab sofort dürfe sie ihn nicht mehr besuchen, fünf Monate lang hatten sie keinen Kontakt, telefonieren ist ihm nicht möglich. Lange abhängig von den Aussagen Anderer verspürte sie große Erleichterung, als er sie später trotz seiner Demenz wiedererkannte. Es war „die schwerste Zeit meines Lebens."
Pastorin Sigrun König erzählte, wie es war, als sie ihrem Vater den Rettungswagen schicken musste, selbst aber ihre Quarantäne nicht verlassen durfte, eine gute Freundin sprang ein. Der Vater verstarb an Covid 19, gefühlt ohne richtigen Abschied, Königs Glaube gab ihr Kraft, auch als sie selbst erkrankte.
Die 17-jährige Benedikta geht in die 11. Klasse, sie erzählte am Bootshafen von fehlenden Freunden, einem Jahr ohne Bandprobe, und dass Gitarrenunterricht online nur mittelmäßig funktioniere. „Ich hätte selbst nie gedacht, dass ich das einmal sage, aber ich vermisse sogar die Schule!"
Von der Einsamkeit vieler Patienten sprach Prof. Dr. Roland Repp vom Städtischen Krankenhaus. Trotz toller Aktionen wie zum Beispiel organisierte Videoschalten „geht uns langsam die Luft aus. Aber es gibt eine große Bereitschaft des Personals, einfach durchzuhalten."

Auch Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer kam im Gottesdienst zu Wort. Er bekräftigte, dass hinter allen Statistiken und Corona-Zahlen eben auch Menschen stehen und äußerte sich „unendlich dankbar für die Solidarität in unserer Stadt. Diese Solidarität werden wir auch weiterhin brauchen."

Kieler Kirchen hatten zu diesem ökumenischen Gottesdienst eingeladen. Laura Gaburro von der katholischen Kirchengemeinde Franz von Assisi lud die Besucher ein, Hoffnungen und Wünsche auf kleine Papierblumen zu schreiben. Diese wurden an große Zweige gehängt und stehen nun in einer katholischen, einer baptistischen und einer evangelischen Kirche der Stadt. „Wir sind gekommen um zu klagen, aber auch um Mut und Kraft zu schöpfen", fasste Pastor Joachim Thieme-Hachmann aus Heikendorf den Abend in seiner Kurzpredigt zusammen, „einander zu stärken und sich stärken zu lassen".

Text: Stefanie Rasmussen-Brodersen

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