Predigt in der Osternacht
05. April 2015 / St. Marien-Dom Hamburg
Die Frauen kommen nach dem Sabbat an das Grab Jesu. Sie wissen genau, was sie wollen. Sie haben ihr Salböl dabei und wollen ihn einbalsamieren, wie gehabt. Das einzige Problem: Der dicke Stein vor dem Grab – wer mag ihn uns wohl wegrollen?
Für diese Frauen ist der Fahrplan eindeutig. Sie haben einen festen Plan, diesem wollen sie sich jetzt widmen. Vielleicht ist das das Einzige, was ihnen in ihrer Trauer hilft und sie ein wenig ablenkt.

Aber irgendwie ist dann alles anders. Der Stein ist längst weg. Und nicht nur der Stein ist weg: Auch der Tote ist weg. Stattdessen findet sich ein junger Mann mit weißem Gewand. Den Toten hätten sie mit ihrem Öl leicht in den Griff bekommen, aber dieser junge Mann, der löst Erschrecken aus. Erschrecken darüber, dass es anders ist, als die Frauen sich vorgestellt hatten. Anders als das, was man kennt, was man erwartet.

In den vergangenen Tagen habe ich einige ältere Priester in unserem Erzbistum besucht. Einige, die am Montag nicht bei der Chrisammesse hier im Dom dabei sein konnten. Ich sehe noch einen vor mir, weit über achtzig, in einem Altersheim, aber geistig hellwach, seine funkelnden klaren Augen spiegelten das wider. Und nachdem wir über das Erzbistum, über seine Stellen, über seine Freuden aber auch über seine Enttäuschungen miteinander gesprochen hatten, hielt er ein wenig inne und sagte ganz am Ende des Gespräches: Wenn das stimmt, was wir da jetzt feiern, wenn er wirklich auferstanden ist, dann ist alles anders … dann ist alles anders.“
Diese Worte gingen mir in den letzten Tagen nicht mehr aus dem Sinn: „Dann ist alles anders“. Was heißt „anders“? Wie anders?

Das Osterevangelium dieser Nacht legt uns eine Spur, die ich mit Ihnen beschreiten möchte.
1. Die Frauen wollen zum Grab und natürlich wollen sie den Leichnam einbalsamieren. Sie wollen wieder mit Jesus in Berührung kommen. Auch wenn sie wissen, dass er tot ist, aber ihn zu packen kriegen, ihn zu greifen kriegen, wieder anknüpfen können beim Tod, das ist ihr Wunsch. Ihnen geht es um Fortsetzung. Sie suchen nach einem Anknüpfungspunkt. Und dann haben sie die Idee, den Faden weiter zu spinnen. Aber: „Dann ist alles anders“, sagt der alte Mitbruder. Ostern heißt offenbar nicht, dass alles immer so weitergeht „wie im Anfang so auch jetzt und Allezeit“. Ostern ist nicht einfach Fortentwicklung, Fortschreibung. Ostern ist zu allererst der Riss. Es ist wahrscheinlich nicht von ungefähr, dass im Moment des Todes Jesu der Vorhang im Tempel mitten entzwei gerissen wird. Und dieser Umstand, dass der Tote nicht mehr da ist, zeigt uns, Ostern ist alles andere als die kontinuierliche Fortsetzung. Ostern will das allzu Glatte, die Abläufe und Prozesse, die wir alle so schön organisiert haben, unterbrechen.

Vielleicht setzt genau hier der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz an, der sagt: „Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung!“. Ostern erschreckt und ist nicht zunächst die altbekannte Botschaft. Ostern lässt zunächst nicht in Geborgenheit zurück, sondern reißt die Wände gleichsam nieder. Und Ostern ist auch nicht zuerst der feste Boden, auf dem ich stehen kann, sondern Ostern reißt einem zu allererst den Boden unter den Füßen weg. Ostern heißt nicht: Ich habe alles im Griff. Sondern Ostern hat zu allererst mit Unübersichtlichkeit zu tun. Ich kapiere gar nichts.

2. Eine zweite Spur: Die Frauen fragen sich, „Wer mag uns wohl den Stein vom Grab wegwälzen?“ Nach der Unterbrechung geht Ostern hier einen deutlichen Schritt weiter. Das Schwere, die Last, die Steine, die manchmal auf uns niedergehen, sind längst beiseite gerollt. Die großen Probleme sind durch Ostern gelöst. Die Lasten sind nicht mehr so schwer, wie wir meinen. Der alte Mitbruder sagt: „Es ist alles anders“. Vielleicht können wir das Ganze aber auch mit einem anderen Bild begreifen, das mir in den vergangenen Tagen in einer unserer Schulen zugefallen ist.

Ich wurde vom Schulleiter durch diese und jene Räume geführt und dann landeten wir schließlich in der Physik. Sie erinnern sich an die Apparaturen, mit denen interessante Experimente vorgeführt werden. Das ist alles schon weither, aber an der Tafel stand eine Aufgabe, die nach meinem Verständnis etwas mit dem sogenannten Auftrieb zu tun hatte. Jeder von uns kennt das. Lasten sind manchmal ziemlich schwer. Aber im Wasser können sie durch den sogenannten Auftrieb ziemlich leicht werden. Und wenn wir das Bild ein wenig weitertreiben, könnten wir vielleicht sagen: Ostern stellt uns in das Meer der unübersichtlichen Größe und Liebe Gottes hinein, das unsere Lasten erleichtert, das uns Auftrieb gibt.

3. In diesem Evangelium taucht der Auferstandene noch gar nicht auf. Sondern nur dieser junge Mann im weißen Gewand richtet aus: Er ist auferstanden. Er geht euch voraus. Aber es ist offenbar nicht so, dass er vorausgeht und wir das Tempo nur ein wenig erhöhen müssten, um ihn dann einzuholen, festhalten zu können. Nein, der Maria von Magdala sagt er ausdrücklich: „Halte mich nicht fest“ Er geht uns bleibend voraus. Er ist nicht einzuholen. Er ist nicht einzufangen. Ostern meint die Vollendung des Lebens. Meint die Fülle, die immer größer ist als das, was wir uns vorstellen und ausmalen können. Ostern meint die permanente Überbietung. Ostern meint Entgrenzung. Es gibt keine Grenzen mehr. Es fällt uns schwer, das zu denken und uns vorzustellen, weil unsere Vorstellungen immer räumlich sind, innerhalb von Grenzen sich bewegen. Aber auch sechsundzwanzig Jahre nach der deutschen Einheit könnten wir vielleicht eine Ahnung davon entwickeln. Um es positiv zu formulieren: Ostern meint unzerstörbare Freude. Ostern heißt abgrundtiefes Vertrauen. Ostern führt zu hingebender Liebe.

Die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz hat dies in einem ihrer Texte ausgedrückt, und ich glaube, das gilt nicht erst für das Leben nach dem Tod, sondern das gilt für unser Leben nach der Auferstehung Jesu. Sie schreibt:
„Glauben Sie, fragte man mich,
an ein Leben nach dem Tode?
Und ich antwortete: Ja
Aber dann wusste ich
keine Auskunft zu geben,
wie das aussehen sollte …
Ich wusste nur eines:
Keine Hierarchie ….
Kein Niedersturz …
Nur Liebe, freigewordne
Niemals aufgezehrte
Nicht überflutend …
Liebkosung schöne Bewegung …
Und deine Hand wieder in meiner …
Mehr also, fragen die Frager
erwarten Sie nicht nach dem Tod?
Und ich antwortete:
Weniger nicht.“
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